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20.01.2009

Von ‚dummen’ Gänsen und ‚schwarzen’ Schafen

Von ‚dummen’ Gänsen und ‚schwarzen’ Schafen
Über den Zusammenhang von Sprache und Bewusstsein

In den letzten Monaten ging es heiß her in den Medien. Die so genannte Vogelgrippe beherrschte wochenlang die Tagespresse und die Angst vor einer Übertragung auf den Menschen war groß. Worte des Mitleids mit den Tieren, die lebendig begraben, vergast oder notgeschlachtet wurden, hörte man freilich selten bis gar nicht. Manchmal hörte man hier und da ein Bedauern darüber, dass das sonstige ‚Freiland-Federvieh’ nun in engen Ställen eingepfercht werden müsse. Aber wie so oft ging es meist darum, welche Gefahren für den Menschen von solchen Vogelepidemien ausgehen könnten.

Eines war besonders deutlich: Man sprach oft gar nicht über Tiere, über Individuen, über einzelne leidensfähige Wesen, sondern über ‚Geflügel’. Ein Wort, das weit verbreitet ist und mit dem vor allem Vögel bezeichnet werden, die für den Verzehr vorgesehen sind. Hühner, Gänse, Puten, Enten, Tauben und sonstige Vögel werden durch die Bezeichnung ‚Geflügel’ zu einer abstrakten Masse, mit der man nur schwer Mitleid haben kann.

Dieses Beispiel ist eins von vielen, das zeigt, dass Sprache ein alltägliches, aber kein unwichtiges Instrument ist, wenn es darum geht, Dinge beim Namen zu nennen. Denn es kommt darauf an, wie und mit welchen Begriffen man Tatsachen oder Geschichten darstellt.

Dass die Wirkung von Sprache nicht zu unterschätzen ist, das zeigen die beiden Artikel der Wiener TierrechtlerInnen Florian Esch und Susi Harringer, die sich auf verschiedenen Wegen mit diesem Thema beschäftigt haben. Ihre Erkenntnisse und Überlegungen werden sie uns auf den nächsten Seiten mitteilen. Wir freuen uns, sie für dieses Thema gewonnen zu haben und danken ihnen sehr dafür. Aber nun lest selbst...

Sprache - Unterdrückung - Tiere
Theoretische Annäherungen an abwertende Sprachgebräuche

Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung begann bereits in den frühen 60er Jahren des letzten Jahrhunderts damit, das, was wir heute als ‘Hate Speech’ kennen, zu kritisieren. Hate Speech, also die Redeart, die Menschen aufgrund ihrer (vermeintlichen) Herkunft, Sexualität oder Religion herabsetzt und zu Gewalttaten gegen diese aufruft, ist auch heute noch Thema zahlreicher Kontroversen und juristischer Bemühungen in den USA. Doch auch weniger offensichtliche Abwertung durch Sprache waren die BürgerrechtlerInnen in Bezug auf rassistischen Sprachgebrauch bemüht zu thematisieren.

Ähnlich die feministische Bewegung: Bereits in den 70er Jahren machte sie Frauen-abwertende Sprache erstmals in größerem Rahmen zum Thema. Kleine Erfolge können heute, trotz konservativer Gegenströmungen, verzeichnet werden: So ist in manchen sozialen Schichten die Schreibung des geschlechtsneutralen sog. ‘Binnen-I’ (z.B. ArbeiterInnen) schon recht weit verbreitet. Nicht zuletzt der deutsche Duden-Verlag, Herausgeber des bekanntesten ‘Wörterbuchs der deutschen Sprache’, bemüht sich geschlechtergerechte Sprache umzusetzen und bemerkt dazu: „Die Frage der Gleichstellung von Frauen und Männern in der Sprache oder - anders gesagt - der sprachlichen Gleichbehandlung von Frauen ist eines der wichtigsten Themen für alle, die sich in irgendeiner Weise mit Sprache auseinander setzen.“1


Die, im Vergleich dazu noch relativ junge, progressive Tierrechts/-befreiungsbewegung, die sich ja oft in der Tradition genannter sozialer Bewegungen2 sieht, hat bisher (von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen) fast nie den Sprachgebrauch in Zusammenhang mit der Unterdrückung und Ausbeutung von Tieren zum Thema gemacht. Warum ist das so?

Manch eineR wird sich dabei vielleicht denken „Der tägliche, millionenfache Mord an Tieren ist viel schlimmer als irgendwelche Feinheiten in der Sprache. Warum kümmern sich die Leute nicht um das wirklich Wichtige?“ oder „Die Tiere verstehen ja eh nicht, wie wir über sie reden...“.

Dies sind beides Argumente, die recht nahe liegend und auch nachvollziehbar sind. Und trotzdem will ich versuchen zu zeigen, warum meiner Meinung nach Sprache dennoch Thema progressiver Bewegungen sein soll, warum sie in anderen politischen Bereichen als so wichtig erachtet wird und was die Sprache bewegen kann.


Sprache und Realität


Für Menschen stellt die verbale Sprache eine der wichtigsten Medien im Umgang miteinander dar. Durch sie werden Gedanken, Emotionen und Meinungen vermittelt und ausgetauscht. Im Folgenden will ich drei Aspekte der Sprache beleuchten, die ihre Wichtigkeit verdeutlichen sollen:

• Bezeichnungen bzw. Benennungen, die durch die Sprache vorgenommen werden, sind ein Mittel, um unsere bis dahin ‘wirre’ Umgebung einzuteilen und uns damit eine Übersicht zu verschaffen. Bezeichnungen legen Klassifizierungen an, die wir benötigen, um die Vielfalt und Menge an Eindrücken, die wir erfahren, strukturieren, erfassen und verstehen zu können. Mittels dieser Klassifikationen werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten der bezeichneten Objekte (oder auch Subjekte) verdeutlicht.

So ermöglicht es uns die Sprache beispielsweise die 500 Dinge, die sich in einem Raum befinden, in sinnvolle Kategorien, wie Möbel, Nahrungsmittel, Kleidung etc. einzuteilen.


• Durch unsere Sprache bzw. Klassifizierungen vermitteln wir auch Wertvorstellungen. Es hat definitiv Bedeutung, ob ein Sitzgegenstand als Stuhl oder Thron bezeichnet wird.

Die in der Sprache enthaltene Wertung, lässt sich auch gut an folgendem fingierten Zeitungsartikel verdeutlichen: „Aufgrund überhöhter Geschwindigkeit und regennasser Fahrbahn kam gestern Abend der 39-jährige Bauarbeiter X aus Y auf der Strecke zwischen A und B von der Fahrbahn ab, stieß frontal gegen einen Baum und wurde dabei lebensgefährlich verletzt.“

Was ist uns in dem Zusammenhang mit dem erwähnten Unfall wichtig? Klarerweise interessiert uns das Schicksal des verunfallten Menschen viel mehr, als was mit seinem Auto passiert ist bzw. welche Schäden der Baum durch den Aufprall davon trägt. Das Wohlbefinden eines Menschen bewerten wir als viel wichtiger als Autos.


Unsere Sprache beinhaltet also unsere Wertvorstellungen, und ebenso transportiert sie die sozialen Ungleichheiten meist ungewollt mit. So haben wir immer wieder an der medialen Berichterstattung über sog. „Angriffe von Kampfhunden“ gesehen, dass eindeutig die Schicksale der betroffenen Menschen im Mittelpunkt standen, während die Schicksale der Hunde sehr oft unerwähnt blieben. Eine ganz klar unterschiedliche Bewertung von Menschen und Hunden wird schon in nur kurzen Artikeln mitgeliefert3.


• Mit unserer Sprache bilden wir unsere Sicht der Realität ab (inklusive unserer ganzen Wertvorstellungen) und schaffen zusätzlich auch Realität. Wir schaffen eine Handlungsbasis für uns selbst und andere Menschen: Als 1858 ein Gericht in den Südstaaten der USA beschlossen hat: „Der Sklave ist keine Person, sondern ein Ding“4, hat der Richter damit einerseits sicherlich seine Meinung kundgetan, andererseits hat er aber auch eine Anweisung gegeben, wie Menschen mit dunkler Hautfarbe (zu dieser Zeit, in dieser Region) zu behandeln sind. Natürlich ist ein Richter in seiner Position besonders mächtig und einflussreich. Doch auch wenn wir etwas aussagen, kommt dies einem solchen Urteil nahe. Und je mehr Menschen diese oder eine ähnliche Aussage treffen, desto ‘wahrer’ wird sie.

Sprache bildet also unsere Sicht der Realität ab und schafft zugleich auch Realität.

Mechanismen der Abwertung


Ähnlich wie im rassistischen oder sexistischen Sprachgebrauch sind es in der Mensch-Tier-Beziehung oft ganz konkrete Mechanismen, die die Abwertung durch Sprache ermöglichen. Ich werde auch auf bestehende Überschneidungen und Parallelen mit diskriminierender Sprache im zwischenmenschlichen Bereich hinweisen.

Im Wesentlichen basiert die Abwertung von Tieren in der Sprache auf der strikten, aber willkürlichen Trennung von Menschen und allen anderen Tieren. Hierin besteht meiner Meinung der ideologische Kern der Unterdrückung von Tieren, der Speziesismus. Während Menschen als rational, geistig, kultiviert und sauber gelten, so werden Tiere dem Instinktgeleiteten, Körperlichen, Naturbezogenen und Schmutzigen zugerechnet. Unter ‘Tiere’ wird alles nicht-menschliche Leben (von Mücke über Karpfen bis hin zu Elefant) subsumiert, das keine Pflanze ist. Es muss also bereits die Kategorisierung in ‘Menschen’ und ‘Tiere’ hinterfragt werden, nicht nur in der Sprache. Korrekterweise müsste also von nicht-menschlichen Tieren die Rede sein.

Wie bereits ausgeführt transportiert Sprache Wertvorstellungen und somit eben auch unser Bild von Menschen und anderen Tieren. Da in unserem Weltbild die Menschen (eigentlich: der männliche, weiße, heterosexuelle, nicht-behinderte, erwachsene Mann) als die Norm gelten, und Frauen, schwarze Menschen, Tiere u.a. immer nur als Abweichung davon beschrieben werden, werden Tiere in unserer Sprache immer als anders und (deswegen) minderwertig dargestellt. Solange Vielfalt nicht akzeptiert ist wird Abweichung von der gesetzten Norm immer als Abwertung empfunden.

Im Folgenden werde ich einige der wichtigsten und auffälligsten Mechanismen darstellen, die es ermöglichen, Tiere in der deutschen Lautsprache abzuwerten:

Benennungen

Körperteile, Handlungen, Gefühle etc. werden bei Menschen und bei Tieren oft unterschiedlich benannt, auch wenn diejenigen Individuen dabei genau dasselbe tun, fühlen etc.. Während Menschen ‘essen’, wird es bei Tieren ‘fressen’ genannt, menschliche Frauen ‘gebären Kinder’ , während nicht-menschliche ‘Junge werfen’, Menschen lieben einander, während es bei Tieren ‘Mutterinstinkte’ sein sollen etc. Tiere werden in diesem Zusammenhang also, trotz vieler Gemeinsamkeiten, nicht nur als grundverschieden von uns Menschen dargestellt. Die für Tiere bereitgestellten Wörter beinhalten generell negative Assoziationen: Wenn ein Mensch „frisst“, dann bedeutet das soviel wie „Der isst ja wie ein Tier“, was eine negative Konnotation beinhaltet.

Mit den unterschiedlichen Benennungen schwingt in dem Fall also auch immer eine unterschiedliche Bewertung mit. Sprache vermittelt in diesem Bereich also einerseits die Andersartigkeit und einhergehend damit die Minderwertigkeit der Bezeichneten.


Entindividualisierung

Wie weit die Macht der Sprache geht, zeigt die Fähigkeit durch Sprache Individualität auszulöschen. Menschen gelten als Individuen, d.h. sie sind einzigartig mit all ihren Eigenheiten und Eigenarten. Gilt jemand als nicht individuell, so verliert er/sie seine Einzigartigkeit und wird somit austauschbar und ersetzbar.


So berücksichtigen Tafeln im Zoo etwa mit der Aufschrift „Der Löwe schläft den größten Teil des Tages“ in keiner Weise die Eigenheiten des hinter den Gitterstäben gefangenen Individuums. Der bestimmte Löwe schläft vielleicht wirklich viel, doch wird dieses eine Tier als Stellvertreter seiner ganzen Spezies dargestellt. Er wird zu einem ‘Exemplar’ seiner Art. ‘Der Löwe’ und ‘Exemplar’, legen also nahe, dass Löwen ohnehin alle gleich, und somit austauschbar wären. In keiner Weise wird darauf eingegangen, dass genau der Löwe, den wir im Zoo vor uns sehen eine bestimmte Vergangenheit, prägende Erlebnisse und individuelle Vorlieben, Ängste etc. hat.

Ähnlich dem beschriebenen Beispiel wurden Juden und Jüdinnen in der nationalsozialistischen Propaganda entindividualisiert, indem sie oft als „der Jude“5 dargestellt wurden. Damit war es möglich, das Mitleid der Bevölkerung gegenüber den jüdischen Mitmenschen zu minimieren bzw. ganz zu unterdrücken. Wenn jemand völlig austauschbar ist, gibt es offenbar kaum mehr Gründe, seine/ihre Existenz zu sichern.

Die Strategie der Entindividualisierung spielt in der Konstruktion von Feindbildern insgesamt eine sehr wichtige Rolle. Um antrainierte bzw. angelernte Handlungsmuster problemlos ausführen zu können, werden schematische Stereotype bestimmter Gruppen (‘der Türke’, ‘die Frau’, ‘der Schwachsinnige’) geschaffen. Wenn ‘der Feind’ kommt wird geschossen, beim ‘Chaoten’ wird zugeschlagen etc. Ein Nachdenken, ob die erlernte Handlung bei einer konkreten Person dann überhaupt angebracht und notwendig ist, wird damit hinfällig.


Verdinglichung

„Mir ist heute etwas vor das Auto gelaufen“: Dieser leider oft geäußerte Satz beinhaltet nicht nur die traurige Tatsache, dass ein Tier durch ein Auto beinahe oder tatsächlich verletzt oder getötet wurde. Er beinhaltet auch eine Wertung, der Tiere auf die Ebene von Dingen stellt. Wenn über tierliche Individuen als ‘etwas’ statt als ‘jemand’ gesprochen wird, verlieren diese alle sie auszeichnenden Eigenschaften und werden zu ‘Etwas’, zu einer Sache. Dinge sind nicht verletzlich und haben keine Bedürfnisse - ganz im Gegenteil zu nicht-menschlichen Tieren.

Wie schon einleitend erwähnt betraf solch eine Verdinglichung während der Zeit der Sklaverei auch Menschen mit SklavInnenstatus: „Der Sklave ist keine Person, sondern ein Ding“, ‘bestätigte’ sogar ein Richter.


Bestimmung des ‘Lebenszweckes’


Das soziale Verhältnis der Unterdrückung prägt den Alltagsverstand in so hohem Maße, dass gängige Wertvorstellungen nur sehr schwer hinterfragt werden können. So kann etwa in Bezug auf die Vergangenheit festgestellt werden, dass als gängige (auch wissenschaftlich belegte) Meinung galt, die Unterdrückten würden nicht mehr um ihrer selbst Willen existierten, sondern ihre Existenz müsse immer einem bestimmten ‘höheren’ Ziel dienen. So rechtfertigte etwa Aristoteles um 300 vor unserer Zeitrechnung die Sklavenhaltung im antiken Griechenland. Seiner Meinung nach wären alle nicht-griechisch sprechenden Menschen (‘Barbaren’, d.h. ‘Stammelnde’) dafür geschaffen, um den Mächtigen zu dienen, also ihre Sklaven zu sein. Ähnliche Beispiele sind bis hinauf in die Gegenwart erkennbar.

Und ganz ähnlich verhält es sich auch in der Mensch-Tier Beziehung: „Wozu sind sie denn sonst da, die Tiere, wenn man sie schon nicht essen soll?“ fragen immer wieder Leute, wenn sie von TierrechtlerInnen darauf hingewiesen werden, dass Fleisch immer Mord bedeutet. Tiere seien ja nun mal ‘Schlachtvieh’, ‘Versuchstiere’, ‘Nutztiere’, ‘Kampfhunde’... Scheinbar sind sie eben dafür da, in Tierversuchen gequält und getötet zu werden, geschlachtet und genutzt zu werden. Mit sprachlichen Bilder wie diesen wird genau dies nahe gelegt. Doch dass Tiere nicht für den Nutzen von Menschen existieren, sondern genauso wie wir, um ihrer selbst Willen leben, das ist innerhalb solch einer sprachlichen Struktur und der dazugehörigen Ideologie nahezu undenkbar.


Euphemismen

Wenn also Tiere in der unterdrückenden, speziesistischen Logik minderwertiger sind als Menschen, wenn sie für die Zwecke von Menschen existieren, dann kann auch all das Leid, das ihnen in unserer Gesellschaft angetan wird, nicht so schlimm sein. Nicht zuletzt durch das Bestreben der tierausbeutenden Industrien selbst (Fleischindustrie, Jagdlobby etc.), die um ihre Einnahmen bangen, wird das Leid, das Tieren jeden Tag in Schlachthöfen, Zoos, Aquarien etc. angetan wird, verschleiert und relativiert. Und dies funktioniert auch über die Sprache, sodass Unrecht gegenüber nicht-menschlichen Tieren verharmlost wird, indem Euphemismen eingesetzt werden, also Formulierungen, die einen Sachverhalt beschönigend oder verhüllend darstellen.

So sprechen KürschnerInnen z.B. von der ‘Fellernte’, wenn sie Nerze umbringen und ihnen das Fell abziehen. Tierversuche werden zur ‘biomedizinischen Forschung’, Mord wird in der Jägersprache zur ‘Kontrolle der Population’ und ‘Fleisch’ ist ein scheinbar anonymes, verpacktes Produkt, das nichts mit Tieren zu tun hat6, anstatt es beim Namen zu nennen und als ‘Leichenteil’ bezeichnet zu werden.

Wie beim letzten Beispiel ersichtlich wird, kann mithilfe der Sprache dazu beigetragen werden, die oft unsichtbar gemachten Tiere und ihre Schicksale zum Thema zu machen und ins Bewusstsein zu rufen. Die klare Benennung von Ungerechtigkeiten, kann oft Menschen zum Nachdenken anregen. So sind etwa die Begriffe ‘Tiergefängnis’ oder eben ‘Leichenteile’ schon weit weniger neutral als ‘Zoo’ oder ‘Fleisch’.

Satzbau und Abstraktion

Im Satzbau ist ein viel subtilerer, aber um nichts weniger wichtiger Mechanismus versteckt, der der Abwertung von konkreten Individuen oder ganzen Gruppen dienen kann. Vor allem bei detaillierten Beschreibungen von Tierversuchen ist klar erkennbar, wie durch einen bestimmten Satzbau, abstrahierten Darstellungen und scheinbar unpersönlichen Beschreibungen die Struktur der Unterdrückung vernebelt oder sogar zur Gänze unsichtbar gemacht wird.

Beispielhaft will ich einen Auszug aus einer Versuchsbeschreibung des bekannten Tierversuchskonzerns Huntingdon Life Sciences zitieren. Es handelt es sich um einen Versuch, der neben anderen Tieren auch an 32 Beagle-Hunden durchgeführt wurde. Dabei wurde ihnen in unterschiedlichen Mengen und über verschieden große Zeiträume das Unkrautvertilgungsmittel Pyrimidifen ins Essen gemischt. Dadurch sollte die Giftigkeit der Chemikalie ermittelt werden. Die Folgen für die betroffenen Hunde waren Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und schließlich der Tod: „...Bei mindestens 0.75 mg/kg/Tag wurde bei männlichen wie weiblichen klinische Zeichen von flüssigem Stuhl, Erbrechen und Speichelfluss während des Behandlungszeitraums festgestellt. Bei 0.15 mg/kg/Tag war das Vorkommen von flüssigem Stuhl etwas größer, aber das individuelle Auftreten war fast das gleiche wie bei der Kontrollgruppe. Es gab keine Unterschiede zwischen der behandelten Gruppe und der Kontrollgruppe in anderen Untersuchungen....“.7

Einerseits gelingt es durch einen bestimmten Satzbau (z.B. Nominalisierung) die TäterInnen, also die VivisektorInnen, auszuklammern - die ‘Eingabe’ erfolgte offenbar ohne das Zutun von Menschen. Andererseits wird durch die abstrakte Darstellung auch das Leid der Hunde relativiert und lässt beinahe vergessen, dass ‘klinische Anzeichen von flüssigem Stuhl, Erbrechen und Speichelfluss’ von Individuen am eigenen Leib erfahren werden mussten.

Ähnlichkeiten bestehen hier zu Darstellungen von rassistischen oder sexistischen Übergriffen im innerhumanen Bereich wie sie oft in Popularmedien zu finden sind, wenn durch die abstrakte Art der Beschreibung die TäterInnen und die Folgen für die Betroffenen ausgeblendet werden.


'Tier’- Metaphern


Wenn nicht-menschliche Tiere abgewertet sind und als das Negative schlechthin gelten, ist es nur logisch, dass es auch mindestens als verwerflich gilt, verwandt mit ihnen oder sogar selbst ‘ein Tier’ zu sein. Darauf basiert die wohl extremste Art der Unterdrückung von Tieren durch die Sprache, die Bezeichnungen für Tiere als Schimpfwörter zu missbrauchen. ‘Schlange’, ‘blöde Kuh’, ‘dreckiges Schwein’, ‘dumme Gans’, ‘faule Sau’, ‘sturer Bock’, ‘Affe’, ‘Schaf’, ‘Spatzenhirn’, all diese Bezeichnungen deuten darauf hin, dass der so benannte Mensch besonders dumm, hässlich, schmutzig oder ähnliches, schlicht wie ‘ein Tier’, sein muss. Dabei muss wohl nicht erwähnt werden, dass es sich dabei keineswegs um reale Beschreibungen von Tieren handelt, sondern sind die den Beschimpfungen mitschwingenden Eigenschaften stets stereotype Darstellungen von Tieren, die meist nur wenig mit der Realität gemein haben. Diese Fülle an verwendeten abwertenden Metaphern sagt wohl einiges über den Status von nicht-menschlichen Tieren in unserer Gesellschaft aus. Tiere gelten nicht nur als nieder, eklig, instinktgesteuert und nicht individuell, sondern es ist offenbar auch gefährlich, ihnen (scheinbar) ähnlich zu sein. Schon 1969 stellte der deutsche Soziologe Theodor W. Adorno fest: „Die stets wieder begegnende Aussage Wilde, Schwarze, Japaner glichen Tieren, etwa Affen, enthält bereits den Schlüssel zum Pogrom.“8 Und auch heute noch, sind im rassistischen oder antisemitischen Sprachgebrauch sog. Tier-Metaphern äußerst weit verbreitet. Im extremsten Fall, so in der Sprache der neonazistischen Medien, dienen sie sogar dazu „Ekel hervorzurufen und die Vernichtungshemmungen zu senken“9. Doch auch in der Alltagssprache ist zu erkennen, dass als ‘Ratten’ oder ‘Asseln’ bezeichnete Menschen, in mancher Hinsicht schon grundlegende Menschenrechte abgesprochen werden.

Die verhältnismäßig geringe Zahl der positiven ‘Tier’-Metaphern, wie etwa ‘bärenstark’ oder ‘fleißig wie eine Biene’, dienen zwar nicht der Abwertung, sie vermitteln aber ein um nichts weniger verzerrtes und stereotypes Bild von Tier-Individuen. Menschliche Eigenschaften werden mit allen damit in Verbindung gebrachten Motivationsgründen etc. 1:1 auf Tiere übertragen, die allerdings gemäß der Umstände eine völlig andere Lebensrealität erfahren.

Metaphern wie „...sie behandelten uns wie Tiere“ oder das „menschliche Versuchskaninchen“, sind ebenso wie vorangegangene Beispiele immer nur in einem Kontext verständlich, in dem Tieren alle möglichen Gewalttaten angetan werden. So prangern diese Aussagen zwar die nicht Menschen-gerechte Behandlung der ‘menschlichen Versuchskaninchen’ an. Allerdings wird in keinem Wort erwähnt, dass die Tiere, welche zum Vergleich herangezogen werden, genauso unter den Misshandlungen zu leiden haben. Tierliche Bedürfnisse und Interessen werden also einmal mehr den menschlichen untergeordnet bzw. völlig ignoriert.


Die Macht zur Veränderung


Zwar mag es mit Sicherheit eine Menge weiterer sprachlicher Mechanismen geben, durch die es ermöglicht wird, Tiere, aber wie wir gesehen haben, oft auch Menschen, zu diskriminieren. Doch ist, gerade im deutschen Sprachraum, diese Thematik erst so wenig behandelt worden, dass Analysen wie diese hier nur ein Anfang sein können.


Hoffentlich ist es gelungen, zumindest ansatzweise zu vermitteln, wie gewaltig und umfassend die Wirkung der Sprache in Unterdrückungsverhältnissen ist, dass durch sie Macht und damit Gewalt ausgeübt werden kann. Doch in dieser Macht stecken auch viele Möglichkeiten.

Die direkte Benennung von Ungerechtigkeiten kann ein guter Weg der Konfrontation und Anregung von Diskussionen sein. Eine ungewohnte Art der Verwendung der Sprache kann verwirren, aber auch zum Denken anregen. Zwar ist die Sprache keineswegs der Hebel, der alleine alle Ungleichheiten ins Wanken bringen wird. Sprache entsteht und verändert sich u.a. in Interaktion mit unseren sozialen Beziehungen, die sich wiederum ständig umstrukturieren. Und gerade deswegen darf Sprache auch nicht als eine nach außen abgeschlossene Einheit verstanden werden. Weil sie ohnehin einem ständigen Wandel durch verschiedenste Einflüsse unterzogen ist, liegt gerade darin ihr Potential der positiven Veränderung.


Nun liegt es an uns, uns dieses Potential zu Nutze zu machen und den weiteren Wandel der Sprache in eine Richtung zu lenken, die der Individualität und der Lebensrealität der nicht-menschlichen Tiere, und natürlich auch aller Menschen, gerecht wird.


1 http://www.duden.de/index2.html?deut-sche_sprache/zumthema/gleichstellung.html

2 Ein wichtiger Unterschied zwischen der TR/TB-Bewegung und den ‘herkömmlichen’ sozialen Bewegungen ist der, dass die ‚herkömmlichen’ sozialen Bewegungen die Fähigkeit zur Formulierung einer Selbstdefinition und damit die Aneignung der Macht über ihre Definition durch unterdrückte Menschen innehaben. Dies stellt/e in der Vergangenheit und Gegenwart einen wichtigen Aspekt verschiedenster Befreiungskämpfe dar.

3 Angemerkt werden muss allerdings, dass schon die Bezeichnung ‘Kampfhund’ Hunde ihrer Zweckmäßigkeit nach kategorisiert. Außerdem muss meiner Meinung nach ein Ereignis einem bestimmten Muster folgen, um als ‘Angriff’ bezeichnet werden zu können, was bei erwähntem Beispiel mit Sicherheit nicht immer der Fall ist.

4 Dunayer, Joan: Animal Equality. Language and Liberation. Maryland 2001: S. 171

5 Siehe z.B. im nationalsozialistischen Propagandafilm „Der ewige Jude“ von Fritz Hipplers 1940

5 Siehe dazu auch das Konzept der ‘Abwesenden Referentin’ bei Carol J. Adams: „Niemand isst Fleisch, ohne dass ein Tier stirbt. Lebendige Tiere sind also im Konzept des Fleisches der abwesende Referent. Der abwesende Referent erlaubt uns, das Tier als selbstständiges Lebewesen zu vergessen. Er versetzt uns auch in die Lage, den Anstrengungen zu widerstehen, Tiere wieder öffentlich präsent werden zu lassen.“ aus Adams, Carol: Zum Verzehr bestimmt. Eine feministisch-vegetarische Theorie. Wien 2001: S. 43

7 Huntingdon Life Sciences „Chronic Toxicity Study on Dogs“ 1993, in Sankyo Company Limited, Ube Industries Limited (Hg.) „Summary of Toxicity Studies on Pyrimidifen“ 1999 (meine Übersetzung)

8 Zit. n. Mütherich, Birgit: Die soziale Konstruktion des Anderen - zur soziologischen Frage nach dem Tier. 2002 (basierend auf einem Vortrag, gehalten auf der XII. Tagung für angewandte Soziologie des Berufsverbandes Deutscher Soziologinnen und Soziologen)

9 Pörksen, Bernhard: Die Konstruktion von Feindbildern. Zum Sprachgebrauch in neonazistischen Medien. 2000: S. 187

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