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26.01.2009

Wandeln oder weichen

Wandeln oder weichen
Die Jagd in Deutschland steht unter Reformdruck
von Helge May

Oktober 2002 - Seit dem ersten April 2002 ist die Jagd grundsätzlich nur noch auf sechs Tierarten erlaubt, nämlich auf Feldhase, Fasan, Rebhuhn, Stockente, Kaninchen und Ringeltaube. Nein, das ist kein Aprilscherz. Es handelt sich dabei allerdings auch nicht um Deutschland, sondern um unsere Nachbarn in den Niederlanden, wo dieses restriktive Jagdgesetz nun in Kraft getreten ist.



Die 340.000 deutschen Jagdscheininhaber haben da deutlich mehr Auswahl, gut vierzig Arten vom Reh bis zum Seehund dürfen derzeit bejagt werden. Dennoch: Auch in Deutschland wird die Jagd vom Naturschutz, vom Tierschutz und großen Teilen der Öffentlichkeit zunehmend kritisch gesehen. Zu wenig erkennt die Jägerschaft bisher Tiere als Mitgeschöpfe an. Viele Jäger definieren das Wild rein durch die menschliche Brille und verharren im Schädlings-Nützlings-Denken. Zum Beispiel werden immer noch Beutegreifer wie der Fuchs als Konkurrenten betrachtet und rücksichtslos verfolgt. Aus Sicht des NABU ist das weder ethisch noch ökologisch akzeptabel.

Jagd nur mit Nutzung
Noch immer werden in Deutschland Mauswiesel, Hermelin und Iltis als "Feinde des Friedwildes" getötet. Dies gilt auch für viele Tausend Jungfüchse. Kaum können sie den Bau verlassen, werden sie in Drahtfallen gefangen, getötet und weggeworfen. Vermutlich wurde nur ein geringer Teil der im Jagdjahr 2000/2001 geschossenen 600.000 Füchse sinnvoll verwertet. Möglich wäre dies, denn ihr Winterfell ist ein natürlich gewachsenes Produkt und ergibt einen gut wärmenden Pelz. Allerdings werden Füchse auch im Sommer geschossen, wenn ihr Fell praktisch unbrauchbar ist.

Aus Sicht des NABU besteht die einzige Legitimation für die Jagd auf wild lebende Tiere in ihrer Nutzung, also in der Bereitstellung natürlich gewachsener Produkte für den sinnvollen Gebrauch durch den Menschen. Diese Position vertritt auch Elisabeth Emmert, die Vorsitzende des Ökologischen Jagdverbandes (siehe Interview). Die weitgehend konservative Jägerschaft ist aber von einem solchen modernen Jagdverständnis noch weit entfernt.

Lebensraummanagement ist gefragt
Gründe für den heftigen Gegenwind, der derzeit vor allem aus den Umwelt- und Naturschutzverbänden der weitgehend konservativen Jägerschaft ins Gesicht bläst, ist ihre mangelnde Reformbereitschaft und die durch neue ökologische Forschungsergebnisse immer mehr entlarvte Doppelmoral. Einerseits gibt man sich gerade Kindern gegenüber als der gute Mann im grünen Rock, der im Winter die scheinbar notleidenden Bambis vor dem Hungertod bewahrt. Andererseits sehen sich die Jäger gerne in der Rolle der ausgerotteten Wölfe und Bären und erheben den Anspruch, mit der Waffe das ökologische Gleichgewicht regulieren zu können.

Regulieren bedeutet aber das flexible Anpassen von Wildbeständen an und durch verschiedene Wirkgrößen wie Fressfeinde, Nahrungsgrundlage, Witterung oder Krankheitserreger. Dazu ist der menschliche Jäger mit seinen Auswahlkriterien und Jagdmethoden nicht in der Lage. "Jagd ist in erster Linie Freizeitbeschäftigung und Hobby, alles andere wäre Selbstüberschätzung", so Michael Hug, NABU-Jagdexperte aus Baden-Württemberg und selbst praktizierender Jäger.

Der Erhalt der Artenvielfalt erfordert ein umfassendes Management der Lebensräume, nicht nur die einseitige Förderung einzelner jagdlich interessanter Arten. Der Versuch, mit "Pulver und Blei" an Symptomen zu kurieren, ohne die wirklichen Probleme anzugehen, lenkt von den wahren Ursachen wie anhaltendem Flächenverbrauch, Intensivierung der Flächennutzung, zunehmendem Freizeitbetrieb und der Verringerung der Kulturpflanzenvielfalt, Monotonisierung und Verarmung der Landschaft ab und verschärft nur die Situation.

"Ein großer Teil der Jägerschaft arbeitet daran, sich ihr eigenes Grab zu schaufeln", warnt Klaus Borger vom NABU Saarland - und selbst Jäger - angesichts solcher Zustände. "Nicht bereit für echte Reformen, sucht die Jägerschaft Annäherung an die Politik, weil sie scheinbar dem Glauben verhaftet ist, dass Lobby mehr hilft als Modernisierung und gesellschaftliche Akzeptanz. Ich wage die Prognose, diese Fährte führt in den Abgrund."

Auswüchse der Hege
Die im Bundesjagdgesetz verankerte "Pflicht zur Hege" haben viele Jäger in der Praxis als Persilschein für eine eher zurückhaltende Bejagung und das Heranzüchten überhöhter Wildbestände benutzt. Rehe, Rothirsche und Wildschweine erreichen bundesweit nie dagewesene Bestandsdichten. Diese wiederum behindern den Erhalt und Aufbau artenreicher, naturnaher Wälder und Biotope - zu Lasten der biologischen Vielfalt. Mit der nachhaltigen Nutzung dieser im Überfluss vorkommenden Wildarten - wohlgemerkt: ohne Fütterung und einer nach Trophäenmerkmalen betriebenen Auslese - eröffnet sich für die Jägerschaft ein breites Betätigungsfeld, das sie aus Sicht des NABU effizient, störungsarm und tierschutzgerecht ausfüllen könnten.



Was sich aber in vielen Revieren abspielt, hat mit nachhaltiger Nutzung wildlebender Tiere nichts mehr zu tun. Bei einer mehrjährigen Untersuchung von Naturschutzgebieten stellte der NABU Baden-Württemberg in 37 Prozent der Gebiete Beeinträchtigungen durch Wildfütterung sowie Verstöße gegen das Landesjagd-, das Naturschutzgesetz oder die jeweilige Schutzgebietsverordnung fest. Mit landesweiten Stichproben konnte der NABU in Baden-Württemberg nachweisen, dass in vielen Revieren Rehe und Wildschweine mit Kraftfutter und mit industriell gefertigten Futtermischungen gemästet werden. In Pellets wurden trotz des bekannten BSE-Risikos sogar Spuren von Tiermehl nachgewiesen.

Fütterungsverbot zum Schutz der Verbraucher
Verhältnisse wie bei der Tiermast muss es besonders in Wildschweinrevieren geben. Wie die staatliche Wildforschungsstelle Aulendorf ermittelte, werden bezogen auf die Gesamtjagdfläche Baden-Württembergs jährlich 4000 Tonnen Mais nur zur so genannten Kirrung - dem Anlocken mit geringen Futtermengen - ausgebracht. So werden pro erlegtem Wildschwein in manchen Revieren über 400 Kilogramm Mais eingesetzt. In ähnlicher Größenordnung dürfte dieses Kraftfutter bei der Winterfütterung und zum Ablenken der Wildschweine von Landwirtschaftsflächen Verwendung finden. "Wenn der Verbraucher denkt, das teuer erstandene Stück Fleisch sei 'wild', dann hat er sich getäuscht. Das Wildschwein ist mit großer Wahrscheinlichkeit gemästet worden wie ein Hausschwein", stellt NABU-Jagdexperte Michael Hug fest.



Angesichts der unzähligen Lebensmittelskandale böte sich Wildbret als natürliche Alternative geradezu an. Immerhin kamen im Jagdjahr 2000/2001 auch 30.000 Tonnen Wildbret im Gegenwert von rund 155 Millionen Euro auf den Markt. "Wir haben ein Reinheitsgebot für Bier und wir haben Gütezeichen für landwirtschaftliche Produkte. Bloß beim Wildbret weiß der Verbraucher nicht, was er bekommt. Diese Irreführung der Verbraucher hat erst dann ein Ende, wenn die Wildfütterung komplett verboten wird - Wild muss wild bleiben!", so Hug.

Neuorientierung der Jagd
Ein gesetzliches Verbot der Wildfütterung gehört deshalb zu den zentralen Forderungen des jagdpolitischen Grundsatzpapiers, das die NABU-Bundesvertreterversammlung im November letzten Jahres nach längerer verbandsinterner Diskussion beschlossen hat. Der NABU fordert eine klare Neuorientierung der Jagd, insbesondere hinsichtlich des Erhalts der biologischen Vielfalt, der Einhaltung ethischer Normen und der Berücksichtigung des Tierschutzes. Für den NABU steht fest: Jagd ist nur dann legitim, wenn sie nachhaltig und ökologisch ist. Sie muss sich auf wild lebende, in ihrem Bestand nicht gefährdete Tiere beschränken und an den natürlichen Gegebenheiten der jeweiligen Ökosysteme orientieren. Das heißt: Gejagt werden darf nur dann, wenn genutzt wird, und das wiederum hat eine deutliche Reduzierung der jagdbaren Arten zur Folge.

Die Jagd verfolgt bis heute das Interesse, Privilegien zu schützen und Wildbestände nach Trophäengesichtspunkten heranzuhegen. Beeinträchtigungen der Lebensräume wie der Verbiss an Waldbäumen durch hohe Schalenwildbestände werden dabei billigend in Kauf genommen. Diese Beeinflussung von Lebensräumen nach jagdwirtschaftlichen Zielen lehnt der NABU ab - neben der Fütterung gilt das auch für die Trophäenhege oder die Verfolgung von Beutegreifern zur Ertragssteigerung. Dazu kommt - von der Jägerschaft gerne übersehen -, dass die Jagdausübung an sich bereits ein Störfaktor für Wildtiere ist, auch für solche, die nicht direkt bejagt oder getötet werden. Die Jagdzeiten müssen deshalb angeglichen und verkürzt, die Jagdmethoden müssen störungsärmer werden.

Gesprächsangebot des Naturschutzes
Der Reformbedarf der Jagd ist offensichtlich. Dies ist kein jagdinternes, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Der NABU stellt sich dieser Herausforderung und ist zu einem offenen Dialog bereit. Als vor vier Jahren NABU und Deutscher Jagdschutz-Verband (DJV) auf kleinstem gemeinsamen Nenner "Empfehlungen zum Schutz der biologischen Vielfalt" vereinbarten, war die Empörung bei der Jägerschaft groß. Vorrang für den Schutz natürlicher Prozesse in Nationalparken und "Mut zur Wildnis" waren offensichtlich (noch) nicht mehrheitsfähig. Vielleicht aber setzt sich langsam doch die Erkenntnis durch, dass letztlich nur eine Jagdwende den Fortbestand der Jagd in Deutschland garantieren kann.


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