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20.01.2009

Wenn eine pinke Karte vor dem Zwinger hängt,

Wenn eine pinke Karte vor dem Zwinger hängt,
ist der Hund in der „Gefahrenklasse“

Zwei ehemalige Tierpfleger des Tierversuchsauftragslabors Huntingdon Life Sciences gaben SHAC ein Interview über Hundeversuche bei HLS
von Melanie Bujok

Jedes längere Gespräch über Tierbefreiung gelangt zumeist irgendwann zu derselben Frage, die stets mit einem Schweigen ob der fehlenden Antwort endet: Wie kommt das Mitleid in die Menschen? Und wie kann sein Fehlen erklärt werden? Welche sozialen Prozesse bedingen, dass dem einen Menschen der Körper zittert, das Atmen schwerfällt, das Herz zerreißt beim Anblick oder der bloßen Kenntnis von Leid, und der andere unberührt bleibt? Diese Gespräche kamen mir in Erinnerung, als ich den neuesten Enthüllungsbericht von SHAC las. Wenige Menschen sind berührt vom gesellschaftlich organisierten Leiden Anderer. Eher noch von Schicksalsschlägen, die medial aufbereitet dem Medienkonsumenten einen kurzen Seufzer abringen: „Das hätte mir auch passieren können.“ An einen Seziertisch gefesselt zu sein, die Wahrscheinlichkeit, dass einem dies passieren könnte, mag so gering gesehen werden, dass mit jenen, denen dies heute systematisch angetan wird, den so genannten Versuchstieren, kaum mit gelitten wird. Schließlich sei ihr Leiden auch nicht ihr Schicksal, sondern ihre Bestimmung. Von Leiden, absichtsvoller Schmerzzufügung – Gewalt – sprechen die Tierversuchsindustrie und ihre Komplizen selbst nicht, lieber von „life sciences“. „Hohe Tierschutzstandards“, die Kontrolle ihrer Einhaltung durch interne Tierschutzbeauftragte und Behörden und der Einsatz von Anästhetika machen Versuche am lebenden Tier erträglich, behaupten sie. Doch betäuben die Tierexperimentatoren wohl eher ihre eigenen Sinne als das „Versuchstier“.




„Der Hund wurde auf den Rücken gelegt und einem Knochen in der Brust Knochenmark entnommen. Das auszuhalten war nicht leicht. Die zwei Gruppenleiter, mit denen ich diese Prozedur gemacht habe, betäubten den Hund nicht genug und der Hund winselte und bewegte sich. Das war so furchtbar. Sie gaben ihm nicht mehr vom Betäubungsmittel sondern machten einfach weiter.“


Folter lässt sich nicht schön darstellen

Diese Aussage machte einer von zwei ehemaligen Tierpflegern von Huntingdon Life Sciences, die kürzlich in einem Interview mit SHAC über ihre Erfahrungen bei HLS sprachen. Die zwei Tierpfleger arbeiteten bei HLS zwölf Monate lang, bevor sie Ende 2005 HLS verließen. Das Interview wurde als schriftlichter Bericht nun von SHAC veröffentlicht. (1) Es verwundert wohl nicht, dass der Vorstandsvorsitzende von HLS, Brian Cass, inzwischen ein Rundschreiben an alle Geschäftspartner von HLS schickte, in dem er verlautbaren lässt, dass die ehemaligen Tierpfleger von HLS entlassen und aus diesem Grund gekränkt gewesen seien, aber HLS gegenüber nun versicherten, dass SHAC in den Bericht allerhand hineingedichtet habe, was sie so nicht gesagt hätten. HLS behalte sich vor, rechtliche Schritte gegen SHAC einzuleiten. (2) Bitte, ja. Dann kann vor Gericht der Tonbandmitschnitt des Interviews abgespielt und die Verschleierungstaktik von HLS vor der Öffentlichkeit entlarvt werden (HLS wusste laut SHAC nichts von der Tonbandaufnahme). Und auch, dass die brutale Umgangsweise mit Tieren bei HLS, die die Undercoveraufnahmen bei HLS von 1989 und 1997 dokumentierten, keine Ausnahme waren, wie HLS immer wieder äußerte, sondern die Regel sind.

Es gibt auch Aufnahmen jüngeren Datums. 2005 ließ HLS selbst ein Fernsehteam in den Abteilungen, in denen Hunde und Affen gehalten werden, filmen, dabei auch Beagles, die toxische Gase inhalieren mussten. Die Aufnahmen wurden allerdings nur unter der Bedingung genehmigt, dass am Ende des Films ausgesagt wurde, die Bilder stammten nicht von HLS. Die zwei ehemaligen Tierpfleger von HLS versicherten nun, dass die Bilder allesamt bei HLS gedreht wurden. (3) Trotz des ersichtlichen Bemühens der gefilmten HLS Mitarbeiter, vor der Kamera den Schein zu erwecken, mit „Versuchstieren“ würde „behutsam“ umgegangen, so täuschen die Aufnahmen nicht darüber hinweg, dass das an den Tieren begangene Unrecht aus der gesamten Versuchssituation resultiert, nicht nur aus einem besonders brutalen Umgang mit den Tieren. Der Film schwenkt in einer ersten Sequenz in einen Raum, in dem an beiden Seiten Käfige aufgereiht sind; in jedem von ihnen ist ein Affe gefangen. Die Käfige sind aus bloßem Stahl, lebensfeindlich. An der Decke des Raumes eine Neonlichtröhre. Ein Tierpfleger holt einen Affen aus dem Käfig. Der Affe versucht zu entkommen, beißt ihn in den Handschuh, hält sich am Käfig fest; die Kamera blendet ab. In einer nächsten Einstellung sieht man mehrere Beagles nebeneinander aufgereiht. Sie alle sind an ein Inhalationsgerät angeschlossen. In ihre Lungen werden Gase geleitet, um deren Giftigkeit zu testen. Eine nächste Szene zeigt, wie ein Beagle über eine Spritze getötet wird, eine weitere die entnommenen Organe. Möchte man das Gezeigte angemessen beschreiben, so mit den Worten Gefangenschaft, Folter, Mord – nichts, was mit welchen manipulativen Mitteln auch immer schöngefärbt werden könnte. Wie dumm die Tierausbeutungsindustrie doch ist. Und wie gleichgültig die Öffentlichkeit, sich verdummen zu lassen, selbst da nicht zu zucken, wo das Schlimmste geschieht: Folter. Ist die absichtsvolle Schmerzzufügung bereits unerträglich – für die Opfer, aber auch für die mit ihnen Mitleidenden – um so mehr noch, wenn den Opfern verunmöglicht wird, sich dieser Gefahrensituation zu entziehen. Es gibt nichts Grausameres, als gefesselt oder anderweitig immobilisiert zu werden, gefangen zu sein, während der Körper verletzt wird – also Folter, so auch Tierversuche. Wie beängstigend, dass Folter nicht konsequent geächtet und bekämpft wird.


Zwei ehemalige Tierpfleger des Tierversuchsauftragslabors Huntingdon Life Sciences gaben SHAC ein Interview über Hundeversuche bei HLS
von Melanie Bujok


Die Hunde übergaben sich vor Angst

Und dann die Angst davor, dem Schmerz nicht entfliehen zu können. Die zwei ehemaligen Tierpfleger von HLS berichteten, wie die Beagles, die bereits die Versuchstorturen kannten, sich ängstigten, wenn die HLS Angestellten kamen.





„Die besondere Studie, an der ich teilhatte, testete schmerzstillende Substanzen vom Pufffisch. Sobald man den ersten Hund zur Verabreichung der Dosis herausholte, begannen die Hunde der Gruppe 4 stark Speichel abzusondern, ihren Kopf hin- und herzuschütteln. Und als sie an der Reihe waren, war ihr Zwinger voller Speichelabsonderungen und sehr oft erbrachen sie sich, bevor sie die Dosis bekamen, weil sie wussten, was sie erwartete.“


Gruppe 4 (manchmal gar noch Gruppe 5) war die „Gefahrenklasse“, die Gruppe mit der höchsten Dosis einer bestimmten Substanz. Diese wurde in manchen Testreihen per Kapsel, in anderen subkutan, oral, als Infusion, auf die Haut oder in die Augen gegeben. In der Gruppe 4 und 5 waren Hunde, an deren Zwinger eine pinke Karte gehängt wurde. Die Versuchsleiter entschieden, ob der jeweilige Hund der Gruppe der Kontrollgruppe (weiße Karte), der Gruppe 2 mit geringer Dosis (gelbe Karte), der Gruppe 3 mit erhöhter Dosis (blaue Karte) oder der benannten Gruppe 4 oder 5 mit hoher Dosis zugeteilt wurde, der Gruppe, die die größten Nebenwirkungen der Substanzen zu ertragen hat. Ein HLS Tierpfleger berichtete in dem Interview von einem Test mit einem Medikament gegen Krebs, in dem auch eine Gruppe 5 eingesetzt wurde:

„Zwei Tage nach Verabreichung der Dosis waren die Hunde der Gruppe 5 und teilweise der Gruppe 4 sehr krank. Als ich am Morgen zu ihnen kam, war in diesen Gruppen überall Blut zu sehen. (...) Die Hunde, etwa fünf von ihnen, waren den ganzen Tag lethargisch, schieden über den ganzen Tag hinweg immer wieder Blut aus, wollten nicht essen, nicht trinken, sich nicht bewegen (...). Als ich am nächsten Tag herein kam, lag einer der Hunde tot in seinem Zwinger. Ich war sehr aufgebracht und mir wurde gesagt, ich solle gehen und mir einen Kaffee holen, während der Leiter der Gruppe, der NACWO (Tierschutzbeauftragte), der Tierarzt und die Versuchsleiter sich um alles kümmerten.“


Keine Hilfe gegen die Nebenwirkungen

Der Anpassungsdruck bei HLS ist sehr hoch, berichteten die ehemaligen Mitarbeiter. Wer sich nicht in die Gruppe einfügt, müsse die unangenehmeren Arbeiten übernehmen. Allerdings seien viele der Mitarbeiter auch ohne Druck von außen vollkommen gleichgültig gegenüber den Tieren. Manche der Angestellten könnten einfach abschalten, an ihnen gehe das Leiden der Tiere vorbei. Anders ließe sich wohl auch nicht erklären, dass, wie die Ex-Tierpfleger aussagten, manche Mitarbeiter die Nadel zum Blutabnehmen auch dann in den Nacken der Hunde stachen, wenn dieser bereits angeschwollen, voller Beulen und Blutergüssen war. Hielten die Hunde nicht ruhig, seien sie nicht selten am Genick gepackt, geschüttelt und angebrüllt worden. Zudem würde schlampig gearbeitet, Daten verfälscht, Bestimmungen nicht eingehalten werden.

Leiden die Tiere unter den Nebenwirkungen, würden diese nur selten behandelt werden. Bei den in die Augen getropften Substanzen z.B. kam es häufig zu Entzündungen, berichteten die Ex-Angestellten: Die Augen eröteten, schwollen an, eiterten, man konnte manchmal gar das dritte Augenlid sehen. Die Hunde würden unaufhörlich ihr Gesicht am Boden oder an den Gitterstäben des Zwingers reiben, weil sie juckten; dies machte die Nebenwirkungen noch schlimmer. Die Gleichgültigkeit der Labormitarbeiter gegenüber dem Leiden der „Versuchstiere“ bezeugten die Ex-Tierpfleger auch in ihrer Schilderung eines Warzen-Experiments:




„An den Hunden wurde mit einem Instrument, das wie eine ‚Pistole‘ aussah, an sechs Stellen des Bauches etwas hineingeschossen. Diese Hunde mussten sediert werden, weil es ein schmerzhaftes Experiment war. Diese Prozedur wurde viermal über einen Zeitraum von ungefähr sechs bis sieben Wochen durchgeführt. Dann begannen die Warzen im Mund der Hunde zu wachsen. (...) Eine der kleinen Hündinnen hatte überall an der Nase und an den Beinen Warzen... Mir wurde gesagt: ‚Oh, sie wird in einigen Wochen eingeschläfert – das macht nichts...‘“

Zwei ehemalige Tierpfleger des Tierversuchsauftragslabors Huntingdon Life Sciences gaben SHAC ein Interview über Hundeversuche bei HLS
von Melanie Bujok


(Fortsetzung) Leichen in gelben Säcken

Aber auch die Prozeduren zwischen den Versuchseingriffen an den Tieren sind für die Tiere sehr belastend, mitunter qualvoll. So werden die Tiere, abhängig von der jeweiligen Testreihe, zu verschiedenen Zeiten in Urinierboxen gesperrt, so die Ex-Tierpfleger. Dies seien sehr schmale Boxen, in denen sich die Hunde kaum umdrehen könnten. Am Boden des Käfigs befände sich ein Loch, durch das der Urin abfließt. Gegen 16.00 Uhr würden die Hunde in diese Box geschlossen und erst gegen 8.40 Uhr am nächsten Morgen herausgelassen. In dieser Zeit erhielten die Hunde nichts zu trinken. Manchmal geraten sie mit einer ihrer Pfoten in das Loch und müssen am nächsten Tag von dieser Lage befreit werden, sagt einer der Tierpfleger.

Überlebten die Hunde die an ihnen durchgeführten Versuche, werden sie, so die ehemaligen HLS Tierpfleger, nach der Versuchsreihe getötet, ihr Körper auseinander genommen, untersucht und schließlich alle Körperteile in einen gelben Sack gepackt; nachts werden die gelben Säcke von einem Transporter abgeholt, am nächsten Tag der restliche Kot, Urin, das verbliebene Blut, Erbrochene und das Sägemehl weggewaschen; die Hunde für die neue Testreihe werden geliefert, ihnen wird die Nummer von HLS in ihr Ohr tätowiert und sie auf die Zwinger aufgeteilt: mit weißen, gelben, blauen und pinken Karten. (4)



Fußnoten:


(1) Der komplette Bericht kann auf folgendem URL heruntergeladen werden:http://www.shac.net/ACTION/newsletters/Inside_HLS.pdf

(2) Das Schreiben von HLS Chef Brian Cass gelangte auch an SHAC (es gibt noch MitarbeiterInnen mit Gewissen – Danke!) und kann online heruntergeladen werden unter: http://www.shac.net/ACTION/newsletters/HLS_letter.pdf

(3) Die Filmsequenzen sind online einsehbar unter: http://www.shac.net/MISC/Inside_HLS.html

(4) Wie Du die SHAC Kampagne unterstützen kannst, erfährst Du z.B. unter: http://www.shac.net/MISC/Inside_HLS_What.html

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