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20.01.2009

Wer wie wir ist, bekommt Rechte?!

Wer wie wir ist, bekommt Rechte?!

Eine kritische Betrachtung des Great Ape Projects von Franziska Brunn


Sie malen Bilder, sie können unsere Sprache verstehen, in Gebärden antworten und sie denken abstrakt, sie führen Kriege und bilden ausgeklügelte Allianzen. Kurz: Sie sind wie wir! Das Great Ape Project möchte dies von GesetzgeberInnen auf der ganzen Welt rechtlich anerkannt wissen. Die InitiatorInnen des Projekts fordern Menschenrechte für die Großen Menschenaffen. Ein sinnvoller Vorschlag zur Verbesserung einer tierunfreundlichen Welt oder nur eine neue, erweiterte Form des Speziesismus?

Durch alle Zeitungen ging 1996 ein Vorfall, bei dem ein kleiner Junge in das 6 Meter tiefer gelegene Gorillagehege des Chicagoer Zoos fiel und von Binti Jua, einer 8 Jahre alten Gorilladame, in Sicherheit gebracht wurde. Sie hob ihn sanft hoch und wiegte ihn im Schoß. Dann gab sie ihm noch einen Klapps und ging ihres Weges. Während Binti Jua von der Time zu einem der besten Menschen des Jahres gewählt wurde, erwähnten KritikerInnen, dass der Gorilla mit einem Sack Mehl genau das Gleiche getan hätte [i].


In den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat der Zoo von London eine besondere Attraktion zu bieten: Schimpansen, die zu Tisch speisen, mit Besteck essen und aus Gläsern trinken. Die BesucherInnen lachen und grölen, als sie die behaarten Verwandten da sehen – der eine sieht ganz aus wie Onkel Max, wenn er etwas zu viel getrunken hat, und die da, das könnte doch Oma Klärchen sein, oder? Immer mal kippt eine Tasse um, ungeschickt wird aus der Kanne getrunken.

Affen besitzen eben doch nicht die menschliche Perfektion, soll suggeriert werden, sie sind ein schlechter Abklatsch. Was die BesucherInnen nicht wissen, ist die Tatsache, dass den Affen antrainiert wird, mit den Gegenständen zu Tisch ungeschickt umzugehen. Sie waren bei der Nachahmung ihres Trainers allzu eifrig und alsbald so gut, dass den Zuschauenden das Lachen im Halse stecken blieb. Ein Frösteln angesichts der tatsächlichen Ähnlichkeit und der Tatsache, dass diese „Tiere“ trotz dieser Ähnlichkeit eingepfercht wurden. Das ging nicht an, und so wurde den Affen antrainiert, hier und da etwas umzuwerfen, Gegenstände falsch zu verwenden …[i]


Als Washoe, eine Schimpansin, die in einer Menschenfamilie aufwuchs und dort Gebärdensprache lernte, wieder in die Gehege eines Laboratoriums muss und dort erstmals wieder auf „Artgenossen“ trifft, antwortet sie auf die Frage, was diese anderen seien: „Schwarze Käfer“. Washoe kennt die Gebärden für Schimpansen durchaus. Sie macht keinen Fehler, sondern verleiht ihrer Missachtung Ausdruck. Denn sie liebt es, kleine schwarze Käfer zu zerquetschen. [ii]


Enos stammte ursprünglich aus Westafrika. Jäger hatten seine Mutter vom Baum geschossen, die sich, in letzter Geistesgegenwart, im Fall so drehte, dass sie ihren kleinen Jungen beim Aufprall nicht erdrücken würde. Die Jäger banden dem Jungen die Gliedmaßen zusammen und stopften ihn mit zahlreichen anderen Schimpansenbabys in eine Kiste, die nach Amerika geschickt wurde. Er hatte Glück, er gehörte zu den 10 Prozent, die die harte Reise überlebten.

So wurde er schon bald dem amerikanischen Schimponautenprogramm unterstellt, wo er bis ins Alter von drei Jahren darauf trainiert wurde, Hebel zu drücken, mit Schwerelosigkeit umzugehen und Bordinstrumente zu bedienen. Dabei wurde ein Belohnungs-/Bestrafungsprogramm verwendet. Betätigte er die richtigen Hebel, gab es Bananendragees, waren es die falschen, erhielt er einen elektrischen Schlag. Dann, im Alter von fünf Jahren war es so weit. Als „Klassenbester“ wurde er zum Schimponaut erklärt und sollte die ganze Besatzung einer Atlasrakete darstellen, die zwecks Erforschung der Erdumlaufbahn am 29. November 1961 gezündet wurde. Doch schon bald nach der ersten vollendeten Erdumlaufbahn gab es Schwierigkeiten mit den Schubdüsen, die Rakete gelangte ins Taumeln. Enos hatte viele Aufgaben zu bewältigen, um sein Überleben zu sichern. Aufgaben, bei denen vielleicht 99,9% aller Menschen versagt hätten. Zu allem Überfluss versagte das Belohnungssystem. Für jede richtige Handlung, die er ausführte, erhielt er nun einen Elektroschock. Die Wissenschaftler gaben ihn quasi auf, weil sie meinten, Enos würde nun sein Verhalten ändern. Tat er nicht. Trotz aller Elektroschocks erfüllte er seine Aufgaben korrekt. Dieses „denkunfähige“ Tier rettete damit sein Leben und konnte einige Zeit später in der Nähe der Bahamas aus einer Kapsel geborgen werden, deren Inneres über 40° Celsius heiß war. Ein Jahr später, der Held war längst aus dem Kurzzeitgedächtnis der Öffentlichkeit verschwunden, starb er unbeachtet an Ruhr. Seine Mitschüler wurden an die medizinische Forschung verkauft.[iv]

Verhängnisvolle Ähnlichkeit

Die Tragik derer, über die hier gesprochen wird, soll durch die genannten Beispiele verdeutlicht werden. Es handelt sich um Anekdoten, die je nach Betrachter eine menschliche Intelligenz oder aber die einfachen „tierhaften“ Reaktionen bescheinigen. Doch aus was für Mechanismen heraus die „Tiere“ handelten: Sie verhalten sich „wie Menschen“, vollbringen nicht mindere Leistungen, haben ganz offensichtlich ein Konzept von dem, was sie tun, und betrachten sich selbst mitunter als „eine von uns“.

Dabei ist die Ähnlichkeit nur folgerichtig. Die Großen Menschenaffen beschreiben diejenige wissenschaftliche Kategorie, in der wir selbst uns einordnen [Abb. 1]. Menschen sind Große Menschenaffen. Schimpansen, Orang-Utans und Gorillas sind unsere allernächsten Verwandten. Menschen werden in ihnen wie in keiner anderen Tiergruppe ihre Gesichtszüge wiederfinden. Wie schlau Delphine, Wale, Wölfe auch sein mögen, sie werden bei den vielen Menschen nie dieses Gefühl zumindest der physiognomischen [v] Ähnlichkeit auslösen. Dabei ist Ähnlichkeit wohl der falsche Ausdruck, denn wenn wir verwandt sind, dann handelt es sich nicht einfach nur um verblüffende Ähnlichkeit: Es sind Gemeinsamkeiten, Eigenschaften, die nicht den Menschen gehören, sondern die bei allen Großen Menschenaffen [vi] den gleichen Ursprung haben.



Die gemeinsamen Eigenschaften, die zwar unter anderem Verstand, aber insbesondere Mimik, Gestik und Sozialverhalten betreffen, bringen den Großen Menschenaffen [vii] einige Vorteile. Menschen, unabhängig von Herkunft, Bildungsstand und moralischer Auffassung, erkennen auf Anhieb, dass Große Menschenaffen ihnen ähnlich sind. Das macht es ihnen leichter, sich in die behaarten Verwandten hineinzuversetzen. Und das ist ein erster Schritt in die Richtung eines umfassenden Verständnisses und einiger Zugeständnisse an ihre Haltung.

Auch die Wissenschaft hat den Wert dieser Ähnlichkeit erkannt, macht ihn sich zunutze. Die Zoos profitieren davon und die FilmemacherInnen. Dieselben Menschen, die eine Ähnlichkeit erkennen, sind in der Lage, den einzigen, lediglich strukturellen Unterschied gnadenlos auszunutzen: dass die Großen Menschenaffen eben nicht als Menschen betrachtet werden. Und diese deshalb in Bezug auf ihre ähnlichen/gleichen Eigenschaften in einer Weise verwertbar sind, wie es Menschen aus moralischen Gründen meist nicht sind. Für die nichtmenschlichen Affen ist es ein fataler Unterschied, zwar „wie wir“ zu sein, aber dennoch auf der anderen Seite zu stehen - auf der Seite derer, mit denen man im Grunde machen kann, was man will.

Die Ähnlichkeit wird ihnen zum Verhängnis, denn ihr Unwertsein, ihre strukturelle Nichtgleichheit macht sie zu den geeignetsten Objekten für all die Untersuchungen, die Menschen in der Regel nicht angetan werden würden – psychologische Forschung, Untersuchungen zu Folterei und so weiter. Grotesk, denn im Grunde ist es eine Anerkennung der Gleichheit, ohne den Einbezug einer neuen, an diese Anerkennung angepasste Ethik. Grotesk, weil sie umso mehr missbraucht werden, je ähnlicher sie den Menschen sind.

Menschliche Maßstäbe

Wenn auf breiter Linie so viel Gleichheit vorgefunden wird, dann kann die Grenze zwischen Mensch und nichtmenschlichen Großen Menschenaffen nur artifiziell sein.[ii] Die Kategorien „menschlicher Großer Menschenaffe“ und „nichtmenschlicher Großer Menschenaffe“ haben keine andere Basis als das menschliche Bedürfnis nach Abgrenzung von „der Tierwelt“.

Das haben die InitiatorInnen des Great Ape Project erkannt: Sie finden die „moralische Grenze, die wir zwischen ihnen und uns ziehen, unhaltbar“. Und wollen der Problematik entgegenwirken, indem sie die Großen Menschenaffen als „gleich“ betrachten, ihnen in Aspekten die gleichen Rechte zugestehen wollen [Abb. 2]. Sie kreieren den „Kreis der moralisch Gleichen“.


Was will das Great Ape Project?

Die Deklaration über die Großen Menschenaffen sieht die langfristige Durchsetzung folgender Punkte vor:


1. Recht auf Leben

Außer in Notwehrsituationen soll das Leben der Großen Menschenaffen geschützt sein.


2. Schutz der individuellen Freiheit

Die Inhaftierung derjenigen, die nicht durch ein Gericht verurteilt wurden, eines Verbrechens überführt wurden und die nicht strafmündig sind, ist nur erlaubt, wenn es zu ihrem eigenen Wohl geschieht oder notwendig ist, um andere zu schützen.


3.Verbot der Folter/Recht auf Unversehrtheit

Die absichtliche Zufügung von Schmerzen, Leiden oder Schäden ist unrecht.


Als eine, die sich mit dem Verhalten von Tieren beschäftigt hat, muss ich sagen, dass ich durchaus nicht unvoreingenommen bin. Ich habe eine gewisse Vorliebe für Affen. Wieso auch nicht?[ii] Affen sind wie Delphine, Wale, Kopffüßer, Elefanten, Schweine, Hunde und andere die Tiere mit der – vom Standpunkt der Wissenschaft aus – höchsten Ebene der Kognition [i]. Die Tests mögen natürlich aus menschlicher Perspektive gemacht sein, so angelegt, dass Menschen stets die höchste Punktzahl erreichen würden. Ich stehe diesen Tests sehr kritisch gegenüber, bin aber nicht der Meinung, dass kognitive Unterschiede negiert werden müssen. Sie sagen für mich auch nichts über eine mögliche Minderbewertung von Insekten, Korallen, Schwämmen und anderen aus. Ein Wert misst sich nicht an der Schmerzempfindlichkeit oder dem Bewusstsein für das eigene Sein. Dennoch glaube ich, dass es möglich ist, dass Große Menschenaffen unter bestimmten Behandlungsweisen mehr leiden als manche andere Tiere. Weil sie möglicherweise mehr über ihre eigene Situation nachdenken, ihre Vergangenheit reflektieren, andere Lebensweisen, die sie beispielsweise in ihrer Kindheit noch wild und frei im afrikanischen Wald führen konnten, nicht vergessen. Ich plädiere nicht dafür, zu sagen, dass eine Spinne im Terrarium glücklich sein könnte, wenn das Terrarium groß genug ist. Keinesfalls. Aber ich plädiere auch nicht für eine Gleichheit aller Tiere. Sie sind unterschiedlich. Soziale Tiere brauchen Partner. Andere leben sowieso lieber allein. Die einen legen tagtäglich enorme Strecken zurück, andere brauchen nicht viel Platz. Und es mag durchaus Lebewesen geben, die sich mit Gefangenschaft besser arrangieren können als Menschenaffen.

Ich stelle mir aber die Frage: Hat Menschenähnlichkeit an sich überhaupt einen moralischen Wert? Ist es etwas besonders Schützenswertes, wenn andere Große Menschenaffen mit Menschen eine Vielzahl gemeinsamer Eigenschaften haben?

Es gibt im Grunde kein rationales, nicht anthropozentrisches Kriterium für die Wahl dieser Gruppe, der Großen Menschenaffen, wenn es um eine weitergehende Berechtung von Individuen geht, wie es das Great Ape Project möchte. Mir erscheint es bei den Forderungen des Great Ape Projects, als würden einmal mehr menschliche Maßstäbe angelegt, um zu bemessen, was wertvoll und schützenswert erscheint. Der Wert einer Sache ist zu subjektiv, gerade vom Standpunkt Mensch aus. Mir scheint es vollkommen unverständlich, wieso es gerade um die Großen Menschenaffen gehen soll. Wenn wir schon bei den Fähigkeiten sind, was haben Affen allgemein schon für wahnsinnige Potenziale! Eher hätte ich die Rechte also für alle Affen verstanden, besser noch für alle Säugetiere, idealerweise für alles Leben. Aber der Kreis der Glücklichen ist wohl vom Great Ape Project absichtlich so und nicht anders gewählt: Weil viele Menschen Gorillas, Schimpansen, Orangs mögen, sich in ihnen wiedererkennen, können sie sich mit einer kommerziellen Nutzung nicht gut einverstanden erklären. Sie hätten vielleicht das Gefühl, einen Teil ihrer selbst zu nutzen. Sie sähen „das Menschliche in den Tieren“ erniedrigt, und das können viele um ihrer selbst Willen, um des Menschseins Willen nicht ertragen. Es geht nicht um die Tiere in den Menschenaffen, es geht um das große Stück Menschlichkeit in ihrem Aussehen und in ihrem Verhalten. Das ist es, was geschützt werden soll.

Manche ZoobesucherInnen bleiben staunend stehen: ‚Aber der sieht den Menschen ja so ähnlich, es könnte ein Mensch im Kostüm sein.’ Und das ist die Schnittstelle, an der Empathie beginnt. Plötzlich fangen die Menschen vor den Gittern an zu weinen, weil sie sich in die Situation katapultieren können, wie es wäre, selbst dahinter zu sitzen. Anders beim Haifisch-Aquarium. Der kalte Fisch zieht weiter seine Kreise, lässt eine Gänsehaut auf dem Rücken hinablaufen, der Mensch zollt ihm Respekt. Aber hineinversetzen? ‚Was fühlt schon ein Fisch?!’

Man kann dieses Phänomen des überspringenden Empathie-Funkens beim Erkennen von Ähnlichkeiten verachten, verdammen, aber ich befürchte, nicht gänzlich auflösen. Sich nicht in „Anderes“ oder „Fremdes“ hineinzuversetzen, kann auch ein Selbstschutz sein. Allein, die Fähigkeiten, bei anderen Ähnlichkeiten zu erkennen und sich tiefgehend in andere hineinzuversetzen, sind erlernbar und ausbaufähig. Wer sich eingehend mit Haien beschäftigt hat, kann deren Bedürfnisse besser verstehen, kann sich in ihre Lage versetzen und fühlen, dass auch die Haie unter der mit Panzerglas abgesicherten Gefangenschaft leiden. AntispeziesistInnen kennen die Problematik: Die FleischesserInnen fühlen nicht mit den Kühen, Kaninchen oder Hühnern. Während uns jeder Bissen, den sie von ihrem „Essen“ nehmen, im übertragenen Sinne im Halse stecken bleibt, essen sie ohne ein leisestes Begreifen weiter. Eine Frage ist also: Was können wir tun, um das Mitgefühl der Menschen um uns zu schärfen, zu trainieren, zu erweitern, damit es nicht bei den so offensichtlich Ähnlichen wie den anderen Großen Menschenaffen stagniert?

Ganz oder gar nicht

Die InitiatorInnen des Great Ape Projects stammen zu großen Teilen aus der Kognitionsforschung bzw. Verhaltensbiologie. Sie haben andere Menschenaffen kennengelernt, Wege der Kommunikation mit ihnen gefunden, über ihre Leistungen gestaunt. Und nun möchten sie etwas für die ihnen Nahestehenden tun. Das ist nichts Verwerfliches, wenngleich vom theoretischen Ansatz etwas arm. Denn sie fordern eine Struktur, die den ihnen Nahestehenden hilft, aber gleichzeitig den Weiterwegstehenden, die mangels Verwandtschaft mehr oder weniger sowieso schon den Schwarzen Peter haben, nicht einmal im theoretischen Ansatz Vorteile verschafft. Würden sie Rechte für alle Tiere oder für alle Tiere mit nachweisbarem Schmerzempfinden fordern – und sich praktisch aber auf die Durchsetzung dieser Rechte für die ihnen Nahestehenden einsetzen, dann würde ich das nachvollziehen können. So bleibt es bei einer Idee, die etwa der entspricht, die ein großer Unternehmensboss entwickelt, wenn er sich überlegt, seinen Neffen für die gerade freigewordene Stelle einzusetzen – ohne überhaupt eine Bewerbung auszuschreiben, geschweige denn Bewerbungsgespräche mit anderen zu führen.

Das Great Ape Project orientiert sich nahezu an einer christlichen Nächstenliebe: ‚Weil es uns – den InitiatorInnen gerade so gut geht und wir uns um mehr kümmern können als um uns selbst, kümmern wir uns um das jeweils Nächste. Um alles, was dahinter kommt, können wir uns gerade nicht kümmern, dazu geht es uns nicht gut genug. Das kommt dann sicher später im Verlauf der Geschichte und der moralischen Entwicklung.’

Ähnlich beschreibt Frans de Waal seine Gedanken zum Great Ape Project:

„Sie [die AutorInnen] sehen keinerlei triftigen Grund, warum Tiere, die uns so nahe stehen und so ähnlich sind wie die großen Menschenaffen, unter eine andere moralische Kategorie fallen sollten. Warum ihnen nicht den gleichen rechtlichen Status verleihen wie ihren zweibeinigen Verwandten?

Der logische Fehler dieses Vorschlags ist der offenkundige Anthropozentrismus. Wie kann man die Ähnlichkeit mit einer bestimmten Spezies [Mensch] zum Kriterium für eine moralische Einbeziehung machen, ohne eben diese Spezies über alle anderen zu stellen? Wenn Rechte proportional mit der Anzahl menschenähnlicher Eigenschaften einer Spezies zunehmen, kann man sich nur schwer der Schlussfolgerung entziehen, die Menschen selber könnten am meisten Rechte für sich beanspruchen. [...] Und das würde kein Ende nehmen: sobald man Menschenaffen aus solch fragwürdigen Gründen einen gleichen Status zugesteht, gibt es keine Notwendigkeit, Kakerlaken davon auszuschließen.“ [x]


Dem grundsätzlichen Zweifel de Waals würde ich zustimmen: Warum, bitte schön, gerade Menschenaffen und nicht auch andere Tiere oder zumindest andere Kriterien wie der Entwicklungsgrad des Gehirns oder die Anzahl der Schmerzrezeptoren und so weiter? An irgendeiner Stelle wird eine Grenze errichtet, die andere doch solange bemüht waren (und sind) abzubauen. Die InitiatorInnen des Great Ape Projects reagieren eindeutig auf das Moralgefühl der „Masse“. Sie schnappen einen Trend auf, gehen den kleinen nächsten Schritt. Das geben sie aber auch ganz offen zu:


„Das Great Ape Projekt wird in diesem Prozess der Erweiterung der Gemeinschaft der Gleichen nur ein Schritt sein. [...] Zu entscheiden, ob diesem Schritt weitere folgen sollen, ist nicht die Aufgabe des Great Ape Projekts. Zweifellos sind einige von uns persönlich der Überzeugung, dass die Gemeinschaft der Gleichen noch auf viele andere Tiere ausgedehnt werden sollte [...] Wir überlassen die Erörterung dieser Frage einer anderen Gelegenheit.

Wir haben nicht vergessen, dass wir in einer Welt leben, in der für mindestens dreiviertel der menschlichen Bevölkerung die Rede von Menschenrechten nur eine rethorische ist und keine Realität des täglichen Lebens. [...] In einer solchen Welt wird die Idee der Gleichheit für nichtmenschliche Tiere, selbst für die uns so beunruhigend ähnlichen Vettern, die anderen Großen Menschenaffen, möglicherweise nicht mit großem Wohlwollen aufgenommen.[...]Es wird jedoch den Armen und Unterdrückten der Welt bei ihrem gerechten Kampf nicht helfen, bestimmten anderen Spezies die Grundrechte zu verweigern. Ebensowenig ist es vernünftig zu verlangen, dass die Angehörigen dieser anderen Spezies so lange warten sollten, bis zuerst alle Menschen ihre Rechte erlangt haben. Dieser Vorschlag selbst unterstellt schon, dass Wesen, die anderen Spezies angehören, eine geringere moralische Bedeutung haben als menschliche Wesen.“[xi]


Warum sollen dann aber alle anderen Tiere, deren Aufnahme in die „Gemeinschaft der Gleichen“ nicht gefordert wurde, erst warten, bis Menschenrechte für Menschenaffen eingeführt wurden? Die Macher des Projekts unterliegen hier ihrem selbsterschaffenen Paradoxon. Entweder sie führen ihr Rechtsprojekt jetzt zunächst einmal für den „engsten Kreis der Gleichen“, also die Menschen, zu Ende – oder sie haben kein einziges Argument, die Frage der Berechtung anderer Tiere zu vertagen und Rechte nicht gleich für alle zu fordern. Das Projekt ist hier eindeutig ein Kompromiss, der darauf abzielt, eine möglichst große Menge möglichst bekannter Größen unter einen Hut zu bringen und einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, der mit Logik nichts weiter zu tun haben muss. Bei der Bewertung des Great Ape Project muss man sich daher die praktische Frage stellen, ob der Speziesismus entweder nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip überwunden werden soll oder auch mit Teilzielen vorlieb genommen werden kann. Wenn wir uns an so etwas wie der Vergangenheit orientieren wollen, so erkennen wir, dass scheinbar alle rechtlichen Fortschritte Stück für Stück ihren Lauf nahmen. Wir könnten daher argumentieren, dass es schon immer so war, dass sich moralische Normen schrittweise entwickelt haben und es deshalb auch jetzt so sein wird. Mir behagt die Vorgehensweise der Orientierung an dem, was war, nicht sonderlich. Mag sein, dass es auch diesmal so eintreten wird. Deshalb wird es nicht richtiger.

Warum sollte es nun also Menschenrechte gerade für die Großen Menschenaffen geben? Ja, sie sind den Menschen faszinierend ähnlich. Und, ja, ich mag sie und finde, niemand hat das Recht, sie zu töten, zu foltern, auszubeuten oder einzusperren. Aber wurden hier nicht zugunsten eines mehrheitsfähigen Kompromisses die banalsten Fragen übersprungen? Warum überhaupt Rechte? [xii] Anhand welcher Kriterien sollten diese vergeben werden? Warum nicht für alle, die diesen Kriterien entsprechen? Diese Fragen, das beantworten die InitiatorInnen selbst, sollen auf später vertagt werden, anderen überlassen werden. Das nenne ich „wilden Aktionismus“. Erst mal überhaupt etwas machen, damit was passiert. Ob das richtig und gut war, können wir ja später entscheiden.

Kampagnen: ja! Rechte: nein!

In der Logik von Rechtssystemen gibt es als Gegenpol zu den RechtsträgerInnen immer eine Teilmenge von Außenstehenden, denen Rechte nicht zuerkannt werden. Im Moment sind das eben nichtmenschliche Tiere, aber zum Teil auch Nicht-BürgerInnen, Strafgefangene, Kinder, Entmündigte und und und. Um den Kreis der Berechteten wird eine Grenze errichtet, die andere zwangsläufig irgendwann wieder abbauen müssen. Ich habe Bedenken, um die Gruppe der Großen Menschenaffen eine Grenze zu errichten. Viele Menschen, so weit sie von Tierrechten und Tierbefreiungsgedanken weg sein mögen, hegen Sympathien mit Menschenaffen, sehen hierin deutlich, auch wenn sie es nicht immer so ausdrücken würden, die Nähe von „Mensch“ und „Tier“ und die Tatsache, dass die Grenzziehung gerade an dieser Stelle absurd erscheint. Viele Eigenschaften, die wir jetzt zur Argumentation einer Befreiung der Tiere heranziehen, würden entfallen. Es gibt natürlich noch sehr viel mehr Argumente, aber man begänne, das Rad zum Teil neu erfinden zu müssen.

Weiterhin benötige ich zur Errichtung eines Rechtssystems Kontrollmechanismen – wenn die Rechte nicht nur ein Blatt Papier bleiben sollen. Doch wie will ich, wenn das menschliche Miteinander schon nicht vollständig kontrolliert werden kann (was irgendwie auch ganz gut ist), denn nun noch das Zusammenleben der unüberschaubaren Gruppe der Großen Menschenaffen kontrollieren? Brauchen wir dann eine Menschenaffenpolizei?

Was, wenn Schimpansen wieder einen Krieg anzettelten? [xiii] Würde das Recht hier aussetzen, weil die Affen unser ihnen übergestülptes Rechtssystem nicht verstehen würden? Dann hätten die Schimpansen doch plötzlich viel mehr Privilegien als ein Mensch, der aus was auch immer für Gründen sich dafür entscheidet, einen Menschenaffen zu töten. Dieser würde nämlich, weil er möglicherweise als „mündiger“ gilt, bestraft, obwohl er vielleicht sogar die überzeugenderen Argumente für seine Tat hätte. Das kann nicht als Fortschritt betrachtet werden. Kurz: Rechtssysteme funktionieren in meinen Augen jetzt schon nicht. Eine Übertragung auf eine größere Gruppe von Individuen würde es nicht besser machen.

Was wollten wir, in einem ausgeklügelten Rechtssystem, alles für Klauseln in unsere Gesetzesbücher aufnehmen: „Wer eine Schnecke zertritt, der muss sich, auch wenn er fahrlässig gehandelt hat, der groben Körperverletzung eines schmerzempfindlichen Wesens verantworten und wird zu Bußgeld von ... Euro verurteilt“ Habe ich die Schnecke nun mit Absicht zertreten oder war es wirklich fahrlässig? Eine Kommission muss her, um das zu überprüfen. Ich will damit auf keinen Fall das Zertreten einer Schnecke herunterspielen zu einem bedeutungslosen Ereignis. Eher geht es mir um die Tatsache, dass Menschen ständig und überall in Kontakt mit Tieren, nichtmenschlich oder menschlich ist dabei völlig irrelevant, treten. Und die meisten dieser Kontakte bekommt man auch ohne ein Jurastudium gut geregelt. Menschen können mehr oder weniger gut Kompromisse aushandeln. Mit nichtmenschlichen Tieren ist die Kommunikation oft missverständlicher, uneindeutiger, aber doch möglich, erlernbar und ausbaufähig. Ein „Geh mir aus dem Weg“, ein „Ich habe Angst vor Dir und will nicht, dass Du mir näher kommst“ ist ohne große Mühe bei vielen Tieren erkennbar.

Emotional hänge ich an den Großen Menschenaffen und weiß um ihre Gefährdung. Ich möchte, dass ihnen geholfen wird und zwar bald und grundlegender als mit der Einführung von irgendwelchen übergestülpten Rechten. Es geht hier und jetzt um ihren Lebensraumerhalt und um Etablierung eines generellen Respekts. Klar, gerne sähe ich eine Befreiung aller Tiere, gerne hätte ich, dass von heute auf morgen alle Käfige komplett leer wären. Das muss in theoretische Forderungen mit einfließen, ist aber für den Moment nicht realistisch. Genau das haben einige der MitstreiterInnen des Great Ape Projects wohl auch erkannt und sich auf ein praktikables „Nahziel“ geeinigt. Wenn dies jedoch darin gipfelt, dass sie die Formulierung der „Gemeinschaft der Gleichen“ allein für die Gruppe der Großen Menschenaffen benutzen, muss Kritik geübt werden. Dieses Stabilisieren und Reproduzieren eines Dualismus von „gleich“ und „ungleich“ – ähnlich dem Mensch-Tier-Dualismus – ist kein Fortschritt. Kritisch ist auch, dass die Gleichheit an der Ähnlichkeit zum Menschen bemessen wird.

Nachdem das Projekt die grundlegenden Fragen zum Sinn von Tierrechten und zum Sinn von Rechten für winzige Grüppchen einfach ignoriert, schreiten die Beteiligten also zur Tat – und haben immerhin schon erreicht, dass Menschenaffen in Neuseeland nicht mehr für die Forschung genutzt werden dürfen. Ein Erfolg legitimiert aber noch lange nicht das Anliegen. Ich habe nichts, überhaupt nichts dagegen, dass hier Engagement für eine kleine Gruppe von Individuen gezeigt wird. Aber dann bitte aus zugegebener Sympathie und unter Beachtung eines allgemeinen Respekts vor nichtmenschlichen Tieren [xiv]. Das Great Ape Project hat sich viel Zeit gelassen und eine Menge theoretischer Konstruktionen erbaut. Dann hätte wohl etwas Differenzierteres herauskommen können, als die Frage nach den Rechten für Tiere in der praktischen Konsequenz und die Frage nach den Rechten für andere Tiere einfach zu vertagen.


Weiter lesen:

Privilegien für Menschenaffen? von Sina Walden lesen

Fußnoten:

[i] nach Frans de Waal: Der Affe und der Sushimeister, S.79, dtv 2005

[ii] ebenda, S.11

[iii] nach Roger Fouts: Unsere nächsten Verwandten, S. 154, Limes Verlag 1998

[iv] ebenda, S. 56 ff

[v] Physiognomie: Äußere Erscheinung, Gesichtsausdruck

[vi] Ich werde im Text einige Male den Begriff der Großen Menschenaffen verwenden und fälschlicherweise den Menschen ausklammern. Dies dient der Lesbarkeit, exakter wäre aber natürlich, von „nichtmenschlichen Großen Menschenaffen“ zu sprechen.

[vii] Siehe Text zur kritischen Betrachtung des Artenkonzepts: Franziska Brunn „Antispeziesismus

weiterdenken“ in „Mensch Macht Tier“; SeitenHieb Verlag 2007

[viii] Manch eine(r) wird sich geärgert haben, dass wir auf dem Reader „Befreiung hört nicht beim Menschen auf“ einen Affen abgebildet haben. ‚Wieder so ein menschenähnliches Tier, das unsere Sympathien wecken soll.’ Warum auch nicht? Warum wird dieser Gegentrend aufgemacht, möglichst entfernte Verwandte als Symbolik für die Tierbefreiungsbewegung zu verwenden?

[ix] Kognition: Gesamtheit aller Prozesse, die mit der Aufnahme und Verarbeitung von Reizen

zusammenhängen.

[x]Frans de Waal: Der gute Affe, S. 263, dtv 2000

[xi]Cavalieri/Singer: Menschenrechte für die Großen Menschenaffen! S. 14; Goldmann Verlag 1996

[xii]Mehr zu dieser Frage in Yetzt „Warum Rechte? Ein Diskurs“ und Franziska Brunn „Veganismus in Uniform“ in „Mensch Macht Tier“; SeitenHieb Verlag 2007

[xiii] Siehe dazu beispielsweise Jane Goodall zum Vierjährigen Krieg von 1974 bis 1978. Hier wurden sehr viele Schimpansen von Artangehörigen verfeindeter Gruppen ermordet. Mehr Infos unter www.janegoodall.de.

Das Jane-Goodall-Institut, welches maßgeblich am Great Ape Project beteiligt ist, unterstützt beispielsweise ein Projekt zur Hühnerzucht in Afrika. Mehr Infos unter http://www.janegoodall.de/m3link7_1.php

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