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24.01.2009

Zur Diskussion um den Stierkampf in Spanien

Zur Diskussion um den Stierkampf in Spanien
06.11.2008: Sport ist Mord. Sagen viele Sportmuffel. Wie stark das tatsächlich zutreffen kann, wenn man nach Spanien und andere stierkampfländer schaut, das hat Jakob Ache für uns recherchiert.

„La tortura no es cultura“ - „Folter ist keine Kultur“ - lautet seit langem der (Anti-)Schlachtruf spanischer Stierkampfgegner. Nicht Folter, sondern Kunst sei der Stierkampf, wird dagegen erwidert – nach wie vor sorgt der Stierkampf in Spanien für bisweilen heftige Auseinandersetzungen. Diese finden jedoch mittlerweile nicht mehr besonders viel Gehör in der Öffentlichkeit; Diskussionen oder kritische Zeitungsartikel sind selten. Stattdessen ist eine wachsende Gleichgültigkeit gegenüber dem Stierkampf zu beobachten – 2006 zeigte sich nur noch ein gutes Viertel (26,7%) der SpanierInnen überhaupt daran interessiert. Nichtsdestotrotz finden in Spanien nach wie vor rund 2000 Stierkämpfe im Jahr statt – da normalerweise jeweils sechs Stiere auftreten, werden durch diese Tradition mehr als 10.000 Stiere jährlich getötet.

Die ersten Stierkämpfe gab es zu Beginn des 18. Jahrhunderts und sie waren von Anfang an stark umstritten. 1796 wurden erstmals die Regeln beschrieben, nach denen der spanische Stierkampf bis heute durchgeführt wird. Es ist eine komplexe Prozedur mit genau festgelegten Abläufen – dies dient auch als Argument der Stierkampfbefürworter, die sich gegen den Vorwurf des einfachen „Abschlachtens“ wehren wollen. Seitdem war der Stierkampf immer wieder politisches Thema. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts versuchten Machthaber, den Stierkampf wegen „Pöbelhaftigkeit“ zu verbieten, stießen jedoch auf den erbitterten Widerstand ihres Volkes. Nach dem Scheitern dieses Vorhabens beschränkte sich die Politik auf die Festlegung strenger Regeln und Überwachung sowie eine häufige Erhöhung der Steuern auf Eintrittskarten.

Das Argument der Verwurzelung des Stierkampfs in der spanischen Kultur lässt sich in der Tat nicht gänzlich von der Hand weisen; ist es doch eines der wenigen Dinge, die man im extrem von regionalen Besonderheiten geprägten Spanien überall antreffen kann und die fast gleichermaßen Anziehungskraft entwickeln. Von Stierkampfbefürwortern wird zudem darauf verwiesen, dass das Ritual eine auf das Heldenhafte bezogene Kunstform sei, die nichts mit archaischem Ergötzen am Tod zu tun habe – beispielsweise läge das Publikum großen Wert auf ein schnelles und würdiges Ableben. Beide Argumente wecken jedoch Zweifel: So werden heute z.B. statt eines würdigen Abtransports des getöteten Stiers meist schlicht Traktoren eingesetzt. Auch, dass dem Stier oft Ohren und der Schwanz als Trophäe abgeschnitten werden, bevor sein Tod festgestellt wurde, steht im Widerspruch zum Argument der Würde. Und schließlich hält sich mittlerweile das Heldenhafte der Matadoren in Grenzen, da der Stier bereits vor dem Auftritt des Matadoren stark geschwächt wird, er tagelang im Dunkeln eingesperrt war, seine Hörner abgeschliffen wurden, und nicht der Matador, sondern Helfer das Tier endgültig töten. So bleibt das Argument übrig, dass Kampfstiere nur eine kurze Zeit in der Arena leiden würden, wogegen sie ihr ganzes Leben artgerecht im Freiland verbrächten, was für die meisten anderen Zuchttiere nicht zuträfe. Dies stimmt zwar, ist jedoch eher ein Argument gegen Massentierhaltung als für den Stierkampf. Die Tradition des Stierkampfs wirft aber nicht nur ein Spannungsfeld zwischen Kultur und Tierschutz auf – er ist auch demokratietheoretisch spannend: Zwar interessieren sich immer weniger Leute für das Spektakel, doch sprechen sich nach wie vor etwa 70% der SpanierInnen klar gegen ein Verbot aus. Dies ändert zwar nichts an der Notwendigkeit, den Stierkampf anzuprangern, denn Politik heißt ja auch, ebensolche öffentlichen Meinungen zu ändern. Kann man aber eine demokratisch gewählte Regierung auffordern, gegen den großen Mehrheitswillen ihrer Bevölkerung vorzugehen? Ist der Tier- oder der Demokratieschutz wichtiger? Wo beginnen Grundrechte, die immer und auf jeden Fall durchgesetzt werden müssen, und wann werden sie inflationär? Auch diese Fragen spielen in der spanischen stierkampf-kritischen Linken teilweise eine Rolle. So lassen sich aus der Diskussion um den Stierkampf interessante polit-theoretische Fragestellungen ableiten. An der Grausamkeit des Rituals ändert sich dadurch jedoch erstmal nichts.

Jakob Ache, 23, beendet gerade sein Erasmus-Jahr in Madrid, wo er sich manchmal wie ein Marsmännchen vorkam, wenn er die Regierungsbeteiligung einer grünen Partei erwähnte. Er ist ehemaliger Sprecher der GJ Berlin.

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