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20.01.2009

Zwischen Überlebenstrieb und Freizeitspaß

Zwischen Überlebenstrieb und Freizeitspaß

Eine kleine Psychodynamik der Jagd von Dr. phil. Hanna Rheinz


Warum gilt jemand, der „zum Töten geht“, als Amokläufer, jemand, der „zur Jagd geht“, hingegen als Bewahrer menschlichen Kulturguts? Die Münchner Autorin Hanna Rheinz schreibt exklusiv in der „Tierbefreiung“ über die Psychologie der Jagd und die Rechtfertigungsstrategien der JägerInnen.

Dass Menschen Tiere töten und sogar wie es in einem Volkslied heißt, sich gegenseitig zum fröhlichen Jagen auffordern, ist keineswegs so selbstverständlich wie es säkulären Gesellschaften erscheint. Das Töten ruft eine Vielzahl höchst konfliktbehafteter Gefühlsregungen hervor, zu deren beunruhigendster wohl die Achse von Angst und Schuld gehört. Sigmund Freud, der legendäre Begründer der Psychoanalyse, hat dies als Ambivalenz der Gefühlsregungen bezeichnet, die immer dann auftritt, wenn Menschen ein Tabu brechen. In archaischen Gesellschaften - wie Freud sie mit den anthropologischen und ethnologischen Kenntnissen seiner Zeit zu rekonstruieren versuchte - war das Töten und Verzehren von Tieren mit der Erwartung verknüpft, durch den rituellen Verzehr des Tieres würde dessen geheimnisvoll magische Kraft auf den Menschen übertragen. Gesellschaften auf der Stufe des Animismus - des Glaubens an die Beseeltheit der Natur - und des Totemismus machten aus dem Töten ein Ritual; nur wer in ritueller Weise tötete, durfte das zum Totemtier erklärte Fleisch verzehren. Allerdings war der Preis hoch: Der Jäger hatte sich durch das Töten des geheiligten Tieres schuldig gemacht und musste fortan die Rache der toten Tierseele fürchten. Dies war Geburtstunde des religiösen Zeremoniells. Eine psychodynamische Gemengelage, die eine Ableitung des religiösen Erlebens aus dem Erschrecken über eine als Massaker erlebte Jagd nahe legt.



Wer die Psychologie des Jagens untersucht, gerät zwangsläufig an diesen Schnittpunkt von individueller Schuld und kollektiver Entschuldung. Der archaische Mythos erweist sich dabei von überraschender Aktualität. Wer tötet und noch dazu aus Lust, zeigt, dass das Tabu des Tötens keine Macht mehr über ihn hat. Einst wie jetzt gibt es wohl kein mächtigeres Zeichen der totalen Kontrolle - über Leben und Tod ebenso wie über Schuld und Vergebung. Wer tötet, zeigt zugleich, dass er bereit ist, auch fürderhin Tabus außer Kraft zu setzen. Die Tötungshandlung kommt einem emotionalen Dammbruch gleich. Wer einmal tötet, findet kein Ende mehr. Das Ausrotten verspricht eine finale Lösung. Es bleibt keiner mehr übrig, der an die ausgelöschten Leben erinnert.


Jagen und Töten von Tieren gelten als elementare Rechte des Menschen. Als kulturelle Traditionen wird die Jagd vehement verteidigt und gilt vielen als unverzichtbares Kulturgut. Um das Jagen zu rechtfertigen, werden vor allem Gewohnheitsrechte und Traditionen bemüht. Wer die Psychodynamik der Jagd und des Jagens hinterfragt, erkennt, wie brüchig der Katalog der Selbstrechtfertigungen ist.

Denn heute fehlen die Überlebenszwänge, die in früheren Zeiten das Töten gerechtfertigt haben. Das Töten ist zu einer Option unter mehreren geworden und ist nicht mehr an die Szene des Kampfes Auge in Auge und auf Leben oder Tod geknüpft. Der Jagdsportler, der sich heute noch einredet zu töten, um zu überleben - und noch dazu mit dem Argument hier handele es sich um ein Naturgesetz - hat zumeist erhebliche Anstrengungen unternommen, um genau dieses Szenario herzustellen.Tausende von Kilometern Flugreise liegen hinter ihm, seine Ausrüstung lässt die Risiken für Leib und Leben zu einer quantité negligeable werden.


Wer die Psychodynamik der sich hier manifestierenden Vorgänge beleuchtet, stößt zwangsläufig auf den Widerspruch: Jagen und Töten werden der Aggression und dem Dominanzstreben zugeordnet. Dass sich Jagen als „gute“, ja saubere Methode des Tötens empfiehlt, ist nur möglich vor dem Hintergrund einer Komplizenschaft des Schweigens. Verschwiegen wird das Erleben des Tötens. Eine Seelenblindheit, die nur dann ausgesetzt wird, wenn der Jäger das Töten als Blutrausch oder als Erlösung darstellt und es somit wieder zu einem irrealen Event werden lässt. Ein seelischer Ausnahmezustand, dessen Opfer er geworden ist. Dies fällt in den Selbstdarstellungen von Jägern und deren Jagdbeschreibungen auf: Der Jäger überträgt die Verantwortung für sein Tun auf ein autonom in ihm wirkendes Triebgeschehen. Diesem konflikthaften, ja dramatischen Seelenzustand steht die unendliche Leichtigkeit des Tötens gegenüber. Sie wird abgefedert durch eine Pseudo-Logik und Scheinrationalität. Dies sichert, dass Jagen psychisch unauffällig bleibt und Teil der Normalität ist.


Der Jäger ist sozial geachtet und wird anerkannt. Wer die Jagd stört oder sie ablehnt, steht hingegen mit einem Fuß in der Kriminalität; mindestens jedoch gilt der Betreffende als heilloser Spinner. Um sich mit dieser Umkehrung der Werte zu arrangieren, ist ein Instrumentarium der Rechtfertigungen entwickelt worden. Theorien und Begründungen der Jagd, die das Ziel haben, eine jagdgerechte Moral zu etablieren und die Jagd als Teil einer Zweckrationalität darzustellen. Sie ist unabdingbar, um das Leben zu erhalten. Während in früheren Zeiten das Überleben der Menschen im Vordergrund stand, die sich vom Fleisch der Tiere ernährten, werden heute, zumindest von jenen Menschen, die sich mit ihren Skrupeln über die Rechtmäßigkeit ihres Tuns auseinandersetzen und nicht der Lust oder Trophäengier frönen, andere Begründungen genannt.


Unverändert ist, dass die Jagd immer noch überlebenswichtigen Zielen dient. In überraschender Weise wird das Töten als Strategie umgedeutet, Leben zu sichern - hier das vermeintlich gefährdete Überleben der Tier- und Pflanzenarten durch das unkontrollierte Leben der nichtmenschlichen Lebewesen. Jagen wird neuerdings sogar als ökologisch notwendig qualifiziert, und als schmerzlos und schonend wird es darüber hinaus dargestellt. Beachtliche kognitive Manöver, die sich den Realitäten des Blutsportes entgegen stemmen. Selektive Wahrnehmung und Umdeuten des Offensichtlichen als Strategien mit der eigenen kognitiven Dissonanz umzugehen, wer will sich schon als Mörder erfahren, sind auch am Werk, wenn wie jüngst ein ökologischer Jäger im Dienst von Bündnis 90/Die Grünen empfahl, das Jagen zukünftig aus Rücksicht auf die Umwelt mit Schalldämpfer zu erledigen. Dass es sich hier um eine besonders tückische Form des Mangels von Rationalität ebenso wie des Mangels von Empathie handelt, fällt selbst jenen Menschen nicht mehr auf, die sich für den Erhalt der Natur (und vermutlich auch den hierin angesiedelten Tierwelt) einsetzen.


Wer sich gegen die Jagd stellt, ist nicht mehr nur kriminell oder ein Spinner, sondern nunmehr auch unter ökologischen Gesichtspunkten ein Versager. Denn daran führt kein Weg vorbei: Das Handwerk des Tötens gilt als Kulturgut. Und wer Skrupel hat, dies mitzutragen, entzieht sich einem allgemein gültigen Konsens.


Der Widerspruch ist unauflösbar: „Gehen wir zum Töten.“ Diesen Satz würde man von einem Menschen nicht hören, ohne an Verbrechen, an Gewalt, an Perversion zu denken. Einer, der zum Töten geht, gilt als Amokläufer, Extremist, soziopathischer Straftäter. Menschen also, die allesamt der bürgerlichen Gesellschaft fern stehen und von ihr ausgeschlossen werden. Aus diesem Grund gilt Jagen nicht als „Töten“. Wer jagt, hat einen guten Grund.


Zu den Rechtfertigungsstrategien der Jagd gehört, dass wer tötet, nicht darüber redet. Über Töten, Schlachten, Jagen wird nicht geredet - oder zumindest nicht mit Uneingeweihten. Aus diesem Grund treten die Kommunikationen über das Töten nicht ohne bestimmte Vorkehrungen auf. Betrachten wir zunächst die spezifische Mischung von Abwehrstrategien, die dazu dienen, das Wesentliche der Jagd, nämlich das Töten, so zu erklären, dass es zu keiner kognitiven Dissonanz zwischen dem Anspruch „Du sollst nicht töten“ und der Wirklichkeit „Jagen macht Spaß“ kommt.


Um das Töten in den Bereich des Erklärbaren, ja sogar zur Normalität gehörenden Verhaltens zurückzuführen, sind zwei Strategien nötig:


* Das lustvolle Töten muss in einem nicht-öffentlichen, auch dem seelischen Gewahrwerden verborgen bleibenden Bereich des Lebens stattfinden. Gefordert wird somit eine Ausnahmesituation, die überdies als Ritual unter bestimmten Ausnahmeregelungen und besonderen Verfahrensweisen durchgeführt wird.


Überdies wird eine - oder mehrere Annahmen entwickelt, die das Töten in ein Weltmodell integrieren, in dem es als Sachzwang vor dem Hintergrund einer bestimmten Logik erscheint. Zum Beispiel der Notwendigkeit, eine Tierpopulation zu kontrollieren. Oder weil es auch der Verhaltenweise der Tiere entspricht - der Stärkste frisst den Schwächeren - so dass es als natürlich erscheint, ein Naturgesetz widerspiegelt.

Doch ökologische (die Umwelt betreffende) und ethologische (das Tierverhalten bestreffende) Argumente werden der Psychodynamik nicht gerecht. Um diese zu erfassen, sind weitere - auf das

* emotionale Befinden des Menschen,

* auf seine innere Natur

zielende Annahmen nötig.


Hier hat sich vor allem die so genannte Triebtheorie des menschlichen Verhaltens als nützlich erwiesen.

Sie erklärt, warum auch kultivierte Menschen Lust am Töten empfinden und dies nicht als einen Bruch in ihrem Erleben erfahren, das ihnen in anderen Bereichen des Lebens verbietet, zu töten oder Konflikte mit der Waffe zu lösen. Der Mensch, dessen Verhalten von Trieben gesteuert wird, erkennt in der Jagd eine Möglichkeit die Dominanzstellung zurückzugewinnen, die er im Alltagsleben nicht erfahren kann.



Neben der Triebtheorie, deren Annahmen eher einer Metapsychologie denn einer empirischen Verhaltenswissenschaft zugeordnet werden müssen, hat sich auch der Behaviorismus und die kognitive Psychologie der Frage gewidmet, wie Verhaltensweisen erklärt werden können, die eigentlich die Kernbereiche der menschlichen Moralvorstellungen außer Kraft setzen - und aus diesem Grund normalerweise ausschließlich mit pathologischen Verhaltensweisen und Verhaltensstörungen in Zusammenhang gebracht werden. Dessen ungeachtet gibt es auch hier naheliegende Erklärungsmuster des Jagdverhaltens: Es erscheint als gelerntes Verhalten, das von früheren Generationen - oder von einem Vorbild - übernommen worden ist, und aufrechterhalten wird, weil es wichtige kommunikative und sozialpsychologische Funktionen wie den sozialen Status demonstrieren, erfüllt.



Wer sich mit Beschreibungen der Jagd befasst, dem fällt auf, dass die Beteiligten ihr eigenes Verhalten erklären, indem sie auf bestimmte psychologische Annahmen zurückgreifen. Sie bezeichnen ihr Interesse für die Jagd als Interesse für die Tierwelt und die Beobachtung von Tierverhaltensweisen (auf der Pirsch sein). Sie bezeichnen sich als Tierfreunde, die sich um das Gleichgewicht in der Natur sorgen (Hege).

Sie betonen die Anstrengung und den Aufwand des Jagens. Sie stellen das Jagen als rationalen Akt dar, der nur ausnahmsweise mit euphorischen und lustvollen Gefühlen einhergeht. Kurzum: Sie betreiben eine auffällige Rationalisierung der Jagdlust.


Am Beispiel des Blutrausches - und der von Jägern oft geleugneten, in der Anekdotenliteratur zur Jagd jedoch konstant auftretenden überschießenden, exzessiven Tötungsreaktionen - die einem Raptus des Tötens gleichkommen, wird der Missbrauch der Triebtheorie im Dienst der Legitimierung oder mindestens doch der Entschuldung des Jagens deutlich. Trieberklärungen sind nämlich aus psychologischer Sicht die Hauptargumente und Grundlagen, die Jagd zu rechtfertigen, und sie als der Natur des Menschen angemessen zu bezeichnen.


Doch hier stehen wir vor einem Dilemma, denn die Triebmodelle des Seelenlebens - Triebe steuern unser Verhalten ebenso wie unser Denken und unsere Kulturleistungen - sind längst ergänzt worden und entsprechen keineswegs mehr dem aktuellen Stand der Psychologie und Psychoanalyse. Um die Jagd zu rechtfertigen, den angeblichen Trieb des Menschen zu Jagens, sind sie immer noch gut genug.


Eine der wichtigsten für unsere Fragestellung interessante Ergänzungen ist die Selbstpsychologie und hier insbesondere die Frage der Re-Inszenierung konfliktbehafteter Erfahrungen und vor allem der Wiederbelebung von Gewalt- und Missbrauchserfahrungen. Seit Jahrhunderten leben wir in Kriegergesellschaften, die das Erbe der seelischen Traumatisierungen von Generation zu Generation tragen. Jagen ist eines jener Verhaltensnischen, die es erlauben, auch außerhalb der Kriegszeiten dem Töten zu frönen. Psychodynamisch handelt es sich hier auch um die Wiederholung und Inszenierung des Traumas. Am Tier erfährt der Jäger und die an der Jagdkultur partizipierende Welt, was es heißt, zur Beute und zum Opfer zu werden. Die Jagd als ein Ersatz für die Erfahrung des Krieges. Dies bedeutet, dass sie Grenzerfahrungen und Grenzüberschreitungen erlaubt. Das Lust-Töten als Freizeitbeschäftigung erlaubt eine andernorts kaum mehr zugelassene Gefühlsintensität, Konzentration und Bewusstseinsklarheit.


Jagen wird überdies als moralisch hochstehendes Verhalten erfahren: Du darfst töten, denn es handelt sich um ein Lebewesen einer anderen Art, ein Untermensch, ein Vogelfreier, ein Parasit. Der Jäger projiziert das, was er sich wünscht und auch was er fürchtet. Er handelt in der Gewissheit: Ich bin gerecht, denn auch in der Natur tötet der eine den anderen. Hier hat sich die Projektion dem Beutemodell - gesellschaftlich als Sozialdarwinismus bekannt - angeschlossen: Der Stärkere frisst den Schwächeren.


Die Einteilung der Welt in Gut und Böse, in nützliche Wesen und Schädlinge und Parasiten kommt einem sozialen Sedativ gleich; wer auf der Seite des Guten steht, überlebt. Und führt den ewigen Krieg weiter. Von Generation zu Generation. Von Trauma zu Trauma. Die Jagd zeigt, dass der Seelenmord noch immer die Strategie ist, der man das letzte Wort erteilt. Die Pervertierung der Gefühle, die Veränderung der Vorzeichen: Das lebende Tier ist nicht lebenswert. Das tote Tier überträgt seine Kraft auf den Jäger, der sich, während er das Tier aufbricht und sein Herz aus dem Körper heraus schneidet, endlich lebendig fühlt. Und mit Bedauern feststellt: „Es macht Spaß, an Orten zu jagen, in denen die Natur noch gesund ist.“


Der Jäger setzt somit die nekrophilen Traditionen der westlichen Kulturen fort. An die Stelle der Liebe zum Leben ist der Kult des Todes in all seinen vielen Facetten getreten. Die Jagd richtet sich somit auch gegen die Lebendigkeit selbst. Das Tier, Sinnbild des Lebens und der Fruchtbarkeit, bleibt für den Jäger und die seinen eine Provokation. Doch während der Jäger die Lebendigkeit Tierindividuum für Tierindividuum ausrottet, ahnt er für einen kurzen Augenblick, was ihm unwiederbringlich verloren gegangen ist.

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