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20.01.2009

Zwischen Singer und Regan

Zwischen Singer und Regan
„Painism: A Modern Morality“ von Richard D. Ryder

Wenn ein Psychologe seinen Entwurf einer nicht-speziesistischen Ethik vorlegt, ist wohl zu erwarten, dass seine Perspektive durch seine Fachrichtung mitbestimmt und seine Ausdrucksweise allgemein etwas verständlicher ist als die derer, die gemeinhin PhilosophInnen gerühmt werden. Diese Erwartungen werden erfüllt. Richard D. Ryders Buch über seine Vorstellung moderner Ethik ist durchaus nicht nur für hartgesottene Theoriefans lesbar. Auf ausladende abstrakte Herleitungen und abgehobene Fachterminologie wird verzichtet. Einen kleinen Wermutstropfen für das Lesevergnügen gibt es aber trotzdem – mensch muss sich das Werk auf Englisch einverleiben, es wurde bisher nicht ins Deutsche übersetzt.


Ryder, der im Jahr 1970 den Begriff Speziesmus als Pendant zu Begriffen wie Rassismus oder Sexismus in die tierethische Diskussion eingebracht hatte, um auf einen, wie er schreibt, fast blinden Fleck – das Ausblenden nicht-menschlicher Tiere aus ethischen Überlegungen – aufmerksam zu machen, führt in seinem Buch mit dem Titel „Painism: A modern Morality“ einen weiteren „Ismus“ ein. „Painism“ würde wohl mit „Schmerzismus“ übersetzt nicht ganz die Intention Ryders widerspiegeln, denn unter „Pain“ versteht Ryder nicht nur den körperlichen Schmerz, sondern negative Erfahrungen allgemein – wie er ausführt auch Empfindungen wie Angst, Langeweile, Trauer und Scham. Die Nachsilbe „ismus“ deutet dabei nicht auf ein neues entdecktes Diskriminierungsschema hin. „Painism“ ist vielmehr der Name, den Ryder seiner eigenen moralphilosophischen Konzeption gegeben hat, die sich im Gegensatz zum Hedonismus nicht auf die Lust, sondern auf das Leid fühlender Lebewesen beruft.

Ryder beschäftigt sich zunächst mit einem Überblick über die Grundlagen bisheriger Ethiken und der mit diesen untrennbar verknüpften grundlegenden Annahmen über Egoismus und Altruismus der Menschen. Dabei hebt Ryder hervor, es gelte die „klassische Konfusion“ zu vermeiden, indem mensch zwischen der, wie er schreibt, psychologischen Frage „Was ist gut für mich?“ und der ethischen Frage „Wie kann ich gut zu anderen sein?“ unterscheidet.

Nach diesen einleitenden Überlegungen erläutert Ryder seine ethischen Prinzipien. Der moralische Wert einer Handlung ermisst sich für ihn anhand ihrer Konsequenzen. Leid gilt es zu vermeiden; menschliche und nichtmenschliche Interessen sollen dabei gleichermaßen berücksichtigt werden. Das tatsächliche Ausmaß des jeweiligen Leidens möchte Ryder nach seiner Intensität und seiner Dauer bemessen wissen. Nicht in diese Schätzung einbezogen werden soll dagegen die Anzahl der vom Leid betroffenen Individuen.


Damit spricht sich Ryder deutlich gegen die Aufrechnung von Schmerz und Freude verschiedener Individuen aus, wie sie in utilitaristischen Ethiken postuliert wird. Die Interessen Vieler dürfen für Ryder nicht mehr zählen als die Interessen eines einzelnen Individuums. Im Mittelpunkt ethischer Überlegungen stehen daher stets diejenigen, die am stärksten von Leid betroffen sind. Ryder selbst verortet seine Ethik, wie er auch mittels einer Tabelle zu verdeutlichen sucht, zwischen dem Utilitarismus Singers und der Rechte-Theorie Regans, dessen Begründung des inhärenten Wertes von Individuen ihm ein wenig zu unklar erscheint.


Nach der ausführlichen Grundlegung seines ethischen Regelwerks beschäftigt Ryder sich im zweiten Teil seines Werks mit der praktischen Anwendung seiner normativen Prinzipien auf eine breite Auswahl alltäglicher Problembereiche – darunter unter anderem Fragen zum Thema Abtreibung, zu Sterbehilfe, Scheidungsrecht, Wohlfahrtsstaat, Demokratie, Umweltethik und einigen Themenbereichen mehr. Dabei räumt Ryder durchaus die Grenzen seiner Konzeption ein, indem er zugesteht, dass sein „Painism“ beispielsweise auf ethische Fragen der Trennung siamesischer Zwillinge nicht sinnvoll anwendbar ist.

Auch wenn der moralphilosophische Ansatz Ryders einige Fragen offen und gerade im Bereich des Mensch-Tier-Verhältnisses konkrete Beispielfälle und eingehendere Ausführungen vermissen lässt, ist Ryders Plädoyer für ein Umdenken in der ethischen Betrachtung unterschiedlichster gesellschaftlicher Fragestellungen doch recht spannend und lesenswert.

Andrea Heubach

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