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18.02.2009

Der Seehund

Der Seehund
Zum Tier des Jahres 2006 hat die SCHUTZGEMEINSCHAFT DEUTSCHES WILD, Organisation zur Erhaltung der freilebenden Tierwelt, den Seehund gewählt. Phoca Vitulina heißt die Gattung der Seehunde wissenschaftlich, sie gehört zur Familie der Hundsrobben. Die Rote Liste der bedrohten Arten stuft den Seehund in die Kategorie "Gefährdet" ein, er hat in Deutschland ganzjährige Schonzeit.



Die SCHUTZGEMEINSCHAFT DEUTSCHES WILD hat sich schon frühzeitig des Seehundes angenommen. Wenige Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs setzte sie sich für das Schicksal dieser Tierart ein, die zu dieser Zeit vielfältigen Gefahren ausgesetzt war. Mit Unterstützung des Niedersächsischen Landesjagdverbandes wurde die damalige Besatzungsmacht aufgefordert, etwas gegen das Wildern von Seehunden zu unternehmen und auch die Bombenabwürfe auf deutsche Nordsee-Inseln zu stoppen. Dadurch hatte die Tierwelt schwere Beeinträchtigungen hinnehmen müssen.

Doch auch unter dem Verhalten der Touristen hatten die Seehunde stark zu leiden. Es war zu dieser Zeit ein beliebter "Sport" von Badegästen, Jagd auf die Tiere zu machen, die vor allem den Aufenthalt im seichten Wasser an sandigen Küsten lieben. Ebenso war der Seehund den Verfolgungen von Fischern ausgesetzt, obwohl angesichts der Zahl der Seehunde von einer Schädigung der Fischbestände keine Rede sein konnte. Der Schriftsteller Christian Morgenstern hatte bereits 1929 geschrieben: "Da sagte mir ein Herr aus Bremen: ,Wie? Sie bedauern den Tod eines Seehundes? Ausrotten müsste man diese Tiere! Glauben Sie etwa, sie seien nützlich? Sie sind die ärgsten Fischräuber, die es gibt, ganz schädliche, unnütze Geschöpfe'. Ich dachte an die feuchten, dunklen Augen der gutmütigen Tiere und sie erschienen mir weit liebenswerter als diese Anschauung eines Pedanten, dem sich sein eigenes grenzenloses Räubertum als Mensch so ganz und gar von selbst verstand". Ein Jahrhundert später hatte sich diese Situation der Meerestiere kaum wesentlich verändert. Das zeigte ein Fernsehfi lm, der den Titel trug "Erst stirbt der Seehund, dann der Mensch".

Der Seehund war seit jeher ein Tier, um das sich zahllose Mythen rankten. So glaubten die Menschen auf den Shetland-Inseln, sie seien gefallene Engel, die Gott aus dem Himmelreich geworfen habe. Auf den Orkneys galt der Glaube, Seehunde stammten alle von einem Menschen ab und sie würden später in Menschen zurück verwandelt. Und es hieß, dass sich manches Mal ein Seehund in eine Menschenfrau verliebe und so oft vom Meer zu ihrem Haus hinrobbe, bis ihm der Bauch blutete. Außerdem war die Meinung verbreitet, es gebe See-Frauen, die Kindergebärten, die wie Meerestiere schwimmen könnten und eines Tages ins nasse Element zurückkehrten. Doch die Wirklichkeit des seehündischen Lebens ist eine einfachere.



Die Seehundjungen werden im Mai und Juni geboren, sie haben dann ein weißes bis gelblichweißes Fell, das sie nur kurze Zeit tragen oder aber schon vor der Geburt im Mutterleib abstreifen. An der deutschen und niederländischen Nordseeküste sind Seehunde vor allem im Wattenmeer anzutreffen. Sie werden jedoch auch in Flüssen und Seen gefunden und sollen beispielsweise in Norwegen bis zu 300 km weit Flüsse hinauf ziehen. Einige Seehundarten haben sich wie etwa die Baikal-Ringelrobbe oder der Seal-Lake-Seehund sogar völlig dem Leben in Binnenseen angepasst.

Eine ungewöhnliche Facette des Seehunddaseins ist das Problem der "Heuler". So werden die Jungtiere genannt, die immer wieder einmal an der Küste gefunden werden und heulen, weil sie von ihrer Mutter verlassen wurden. Ihr Heulen ist aus tierfreundlicher, menschlicher Sicht ein Klagelaut, nach Ansicht der Verhaltensforscher aber ein Stimmfühlungslaut, mit dem die Kleinen den Kontakt zum Muttertier wiederherstellen wollen.

Um die Heuler kümmern sich Aufzuchtstationen, seinerzeit gegründet von Jägern und Naturschützern, zu denen auch die SCHUTZZGEMEINSCHAFT DEUTSCHES WILD gehört. In welchem Ausmaß Heuler zu registrieren sind, zeigte sich schon 1984, als die Aufzuchtstation Büsum 70 solcher Jungtiere zu verzeichnen hatte.

Gegenwärtig ist die 1971 eingerichtete Seehundstation Norddeich die einzige gemäß dem internationalen Abkommen über wandernde Arten autorisierte Aufnahmestelle für mutterlose Seehundbabies an der niedersächsischen Nordseeküste. Das Projekt "Seehundstation Norddeich" der Stiftung Natur und Mensch wird auch von der SCHUTZGEMEINSCHAFT unterstützt. Es geht bei diesem Projekt um die Zusammenarbeit mit anderen Aufzuchtstationen im In- und Ausland. Außerdem aber auch um die Erforschung der Lebensweise sowie des Gesundheitszustandes und der Schutzmöglichkeiten für Seehunde. Früher bereits hatte die Schutzgemeinschaft ein Forschungsvorhaben zur "Seehundspest" gefördert, das erfolgreich verlief.

Nach einer Zählung im Jahr 2005 leben an der deutschen, dänischen und niederländischen Nordseeküste 14 275 Seehunde. Das sind 11 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Seehunde hatten sich nach der Staupe-Epidemie von 2002, wodurch die Bestände der Meeresbewohner um ein Drittel verringert wurden, gut erholt. Nicht zuletzt auch, weil die Belastung der Tiere mit Nähr- und Schadstoffen in den letzten Jahren zurückgegangen war.



Der Seehund hat also durchaus Zukunft. Und er wird manches Mal auch zu ungewöhnlichen Aufgaben herangezogen. Wie etwa in Japan, wo er in Alten- und Pfl egeheimen Haustier-Ersatz ist. Der Pfl ege-Roboter-Seehund "Shiro" ist ein schneeweißes, körperwarmes Kuscheltier mit Kindchen-Schema, das auf Sprache und Bewegung reagiert, das krächzt und weint, zum Spiel auffordert und die Augen rollt, aber auch energisch seinen Unwillen äußert - es schläft erst ein, wenn es ausgiebig gestreichelt worden ist. Was beiden guttut, ganz besonders aber den alten Menschen. Ebenso in der deutschen Bevölkerung ist der Seehund sehr beliebt, was sich auch im regen Besuch der Heuler-Aufzuchtstationen zeigt. Ein Hinweis ist ebenfalls die Tatsache, dass das Bild vom Seehund, der in der Sprechblase "Moin, Moin" sagt, beim marktführenden Postkartenverlag Deutschlands die am meisten verkaufte Ansichtskarte ist.


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