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18.02.2009

Sex und Tod im Zoo

Sex und Tod im Zoo
Der moderne Tiergarten ist nicht nur ein Publikumsmagnet, sondern auch ein Eldorado für Verhaltensforscher und Zoologen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hat die Verbindung zwischen Zoo und Wissenschaft so manche seltsame Blüte getrieben. Von der Akklimatisierung des Yaks, keuschen Nashörnern und der Rückzüchtung des Auerochsen.

Hightechsex. Versteckt wird er nicht, hergezeigt aber auch nicht: der Sex im Zoo. Denn die Welt, die der Tiergarten uns vorführt, braucht die Frage nach dem Woher und Wohin seiner Bewohner in der Regel nicht zu beantworten. Es reicht, wenn sie da sind, in erster Linie die Kleinen. Auch bei den Ducks hat kaum jemand nach der Mutter gefragt. Nur: Woher nimmt die Direktion die Babys tatsächlich? Das wird vor allem dann virulent, wenn sich der Nachwuchs bestimmter Tiere besonderer Anziehungskraft erfreut, so bei den Elefanten, diese aber zum gegebenen Zeitpunkt nicht können. Das war etwa in Schönbrunn der Fall. Aus der Perspektive der Attraktion war die Ausgangslage bis zur "Zeugung" des dann programmgemäß zum Star avancierten Elefantenbabys Abu entmutigend: mehrere geschlechtsreife Kühe und nur ein halbwüchsiger Bulle, der zudem noch in der ausschließlich weiblichen Umgebung zu "verweichlichen" drohte und daher zum Zweck der Erlernung männlicheren Verhaltens von der Herde großteils weggesperrt bleiben muss, wie Thomas Voracek, Tierarzt in Schönbrunn, erklärt. Um die Zeitspanne zu überbrücken, bis der Bulle genügend Gewicht und Selbstbewusstsein zugelegt hat und mit einer natürlichen Nachzucht gerechnet werden kann, griff man daher zu einer bislang wenig erprobten, dafür aber spektakulären Methode: zur künstlichen Befruchtung. Der Vater, Elefant in einem englischen Zoo, spendete seinen Samen unter Narkose, die Mutter wurde über mehrere Monate auf die künstliche Befruchtung vorbereitet, und auch der Akt selbst gestaltete sich schwierig und aufwendig. Allein für das Aufspüren des zwei Quadratzentimeter kleinen Vaginaleinganges brauchte es mehrere mit Ultraschall und Kamerasonde ausgerüstete Tierärzte. Was in der Nutztierhaltung gang und gäbe ist, die künstliche Besamung, ist bei Wildtieren nach wie vor die große Ausnahme. Das hängt auch mit der geringeren Haltbarkeit der jeweiligen Ejakulate zusammen. Was jedenfalls für die künstliche Variante, den Hightechsex, spricht, ist die Einbringung neuen genetischen Materials in die von Inzucht bedrohten Tierbestände der Zoos und die so mögliche Erhaltung gefährdeter Tierarten; dagegen stehen die hohen Kosten und die Grundsätze moderner Tierhaltung. Denn modern gehaltene Zootiere sollen Sex haben - im Prinzip: Vorausgesetzt, sie können und wollen. Und das ist im Zoo nicht selbstverständlich. Was macht man mit Vogelarten wie etwa den Flamingos, die nur in Gesellschaft unter Anwesenheit der ganzen Kolonie können? Man ersetzt die Artgenossen durch das eigene Spiegelbild. Oder wie vermittelt man Geparden das Gefühl von anonymem Sex? Man sperrt sie das ganze Jahr über auseinander und inszeniert eine zufällige Begegnung, sobald das Weibchen Lust und Empfängnisbereitschaft signalisiert.

Tote Teddys. Bei anderen Bewohnern der Zoos wird dieses Prinzip allerdings weniger liberal gehandhabt. Wer sich nicht besonders schwer tut unter den Bedingungen der Gefangenschaft, zudem noch häufig genug auftritt und dementsprechend weniger attraktiv für andere Zoos ist, wird am Sex entweder gehindert, wie die Wölfe mittels Sterilisation, oder es werden wenigstens die Folgen durch die Verabreichung von Verhütungsmitteln vermieden. Die dritte Methode, die natürliche Sexualität der Tiere mit dem Platzmangel eines Tiergartens zu vereinbaren, brachte die Zoos jüngst ins Kreuzfeuer der Kritik: die Tötung von Jungtieren, wie es im November 2000 im Basler Zoo geschehen ist, als man drei einjährige Bären tötete. Für Tierschützer und Zoogegner offenbarte sich dabei die ganze Perversion der Tierhaltung in Zoos, denn diese würden für ihre Attraktivität Jungtiere brauchen, die dann, der Kurzlebigkeit von Attraktionen entsprechend, wie Abfall entsorgt würden. Die Kadaver der Bären landeten übrigens im Futter der Schneeleoparden und Wildhunde. "Alles artgerecht", entgegneten die Direktionen der Zoos: Dazu gehörten eben die natürliche Sexualität, die Aufzucht von Jungtieren und deren Ausscheiden aus der Gemeinschaft. Nur heißt das in diesem Fall eben "Ausscheiden" durch vorzeitigen Tod. Dass man hier eher Gott spielt als Natur gehört zur Natur der Zoos. So sehr sich auch die Tierhaltung in modernen Zoos gegenüber der alten Käfighaltung verändert und den Tieren eine artgerechte Umgebung beschert hat - natürlich ist im Zoo höchstens das Verhalten der Besucher. Zoos sind künstliche Lebensräume, in denen das meiste manipuliert wird. Sex und Tod zuallererst. Woran sich letztlich die Geister scheiden, ist das Glück der Tiere.

Schwule Geier. Aber einmal abgesehen davon, ob es gemacht wird oder nicht, ob es erwünscht, erlaubt oder unterbunden wird, wie wird es gemacht im Zoo, und gibt es Unterschiede gegenüber draußen? Verstärkt hat man in Zoos Onanie und Masturbation beobachtet, und das ausgerechnet im Jerusalemer Bibelzoo beheimatete schwule Geierpärchen gelangte zu einiger Prominenz. Was Tiere in Zoos ihren Artgenossen auf jeden Fall voraushaben, ist Zeit, Schutz vor Feinden und eine regelmäßige und ausgewogene Ernährung. Was ihnen fehlt, ist eine stimulierende Auswahl und der Schutz vor besonderer Zudringlichkeit. So sind die Orang-Weibchen in Schönbrunn nach Auskunft der Tierpfleger "regelrechten Vergewaltigungen" durch das einzige Männchen ausgesetzt. "Draußen" wären sie den schwerfälligen Männchen überlegen und würden in die höheren Regionen der Bäume flüchten. So wie beim Sex im Zoo sind auch beim Sterben die Widersprüche augenfällig: Jungtiere aus potenziellen Überpopulationen werden getötet, andere wiederum leiden und sterben an Krankheiten wie Arthritis oder an Tumoren, die es "draußen" gar nicht gibt, weil sie die Tiere nicht erleben würden. Der kürzlich im Salzburger Zoo Hellbrunn eingeschläferte Jaguar erreichte mit 24 Jahren das Doppelte seiner "normalen" Lebenserwartung. Zumindest in Schönbrunn, so der Kurator Harald Schwammer, werden die "Veteranen", wie sie respektvoll genannt werden, erst bei größeren Schmerzen eingeschläfert. Ihre Kadaver landen in der Veterinärmedizin, wo Felle und Skelette für Forschungs- und Ausbildungszwecke präpariert werden.

Zoo im Zoo. Zahnlose Tiger, haarlose Löwen und hinkende Elefanten. Sentiment und Grausamkeit liegen im Zoo eng beieinander. Das betrifft auch einen speziellen Zoo - im Zoo. Außerhalb des Blickfeldes der Besucher werden Mäuse, Kaninchen und Ratten gezüchtet: Futtertiere, die entweder, wie bei den Raubkatzen frisch getötet, oder wie bei den Schlangen, lebend verfüttert werden. Ihr Leiden - so die offizielle Beruhigung - sei nur von kurzer Dauer. Denn bis zum tödlichen Biss würden die ansonsten flinken Nager ihre Todfeinde nicht erkennen. Die Methode ist im doppelten Sinn "human", denn würde es mit natürlichen Dingen zugehen, dann hätten die Beutetiere Erfahrung, somit Angst, und würden zu fliehen versuchen, was den Besuchern freilich nicht verborgen bleiben würde. Bei unsachgemäßer Behandlung birgt diese Methode aber auch für den Jäger ein gewisses Risiko. Denn ist die Schlange satt und noch eine Ratte übrig, wird der Spieß umgedreht. Dann frisst die Ratte die Schlange. Aber auch innerhalb der Gruppe jener, die im Gegensatz zu Mäusen, Ratten oder Kaninchen einem friedlichen Ende entgegensehen, bleiben Unterschiede augenfällig. Denn da gibt es jene, deren Tod auffällt und jene, deren Tod nicht auffällt. So beschäftigte der Tod zweier Sibirischer Tigerbabys 1997 das österreichische Parlament, weil dem Zoo seitens freiheitlicher Abgeordneter mangelnde Sorgfalt vorgeworfen wurde. Ob das etwa auch bei weniger attraktiven und fotogenen Tieren passiert wäre, wie bei den Maras, Präriehunden und Elenantilopen, ist fraglich. Denn eine Stärke des Zoos ist es gerade, uns eine Welt vorzuführen, die scheinbar ohne den Tod auskommt, denn man kann hinkommen, wann man will, immer sind in etwa gleich viele Tiere auf ihren gewohnten Plätzen. Da muss schon eine ganze Gattung fehlen oder eben etwas Kleines und Putziges, um uns Besucher im Glauben an den Zoo als immer währende Vollpension der Tiere zu erschüttern.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Wissenschaftsmagazins heureka
http://www.falter.at/

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